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Bayerisches Staatsballett:Leichtfüßiger Horror

Cecil Hotel

Könnten auch zum Cast eines Films von David Lynch gehören: Ksenia Ryzhkova und Jonah Cook als Prostituierte und ihr Mörder.

(Foto: S. Gherciu)

Das Bayerische Staatsballett zeigt Andrey Kaydanovskiys Handlungsballett "Cecil Hotel" im Stream. Die ungewöhnliche Choreografie bekräftigt die Wahl Kaydanovskiys als Hauschoreografen der Kompanie

Von Rita Argauer

Das Bayerische Staatsballett hat mit der Verpflichtung von Andrey Kaydanovskiy als Hauschoregraf einen ziemlichen Coup gelandet. Gerade erarbeitet er mit "Der Schneesturm" eine große Uraufführung für die Ballettfestwoche im April. Als Stream zeigt das Staatsballett unterdessen die Wiederaufnahme eines kleinen Stückchens, das der russische Choreograf, der in Wien lebt, 2019 erstmals eigens für die Kompanie kreierte. "Cecil Hotel" heißt dieser Halbstünder, in dem die besondere Tanzsprache Kaydanovskiys schon radikal deutlich wird.

Es ist ein morbides Stückchen, irgendwo zwischen Film noir, Horror-Thriller und Slapstick. Und es ist Handlungsstück. Das ist wichtig. Kaydanovskiy erzählt Geschichten mit seinen Choreografien. Er schafft Handlungsballette. Und dennoch wirken seine Werke absolut zeitgemäß. Das liegt auch daran, dass er Handlungen sucht, die sich dramaturgisch eher an der verschoben-verwobenen Episoden-Ästhetik eines David Lynchs orientieren als an den märchenhaften Fabelwelten der Ballettklassiker des 19. Jahrhunderts. Aber Kaydanovskiy ist eben auch weit entfernt von der Abstraktion, die seit dem Modern Dance und der Neoklassik die (non-)narrative Ästhetik des Tanzes größtenteils bestimmt hat.

"Cecil Hotel" hat also einen eindeutigen, schon im Titel benannten Schauplatz. Es beginnt als Horrorfilm, man hört Wassergeräusche im Dunklen, man hört jemanden nach Luft schnappen. Man sieht plötzlich einen Hausmeister, den "Lobby-Boy", getanzt und hier vor allem auch schauspielerisch interpretiert von Dustin Klein, der in diesem Stream seinen letzten Auftritt als Ensemble-Mitglied des Bayerischen Staatsballetts hat. In Zukunft wird sich der Demi-Solist aufs eigene Choreografieren konzentrieren. Klein putzt und tanzt mit einem Wischmopp, ist aber eigentlich eine Art Conférencier der Szenerie, es folgt ein großartiger Jonah Cook im weißen Anzug mit blutverschmierten Händen. Die Musik, zunächst ein fernklingender Walzer, überlagert sich collagenartig. Ein klackernder Beat rollt in den Vordergrund, Cook tanzt ein Solo darauf. Und Kaydanovskiy zeigt hier erstmals seinen so eigenartigen Umgang mit Bewegung und Körpersprache. Die Choreografie ist schneidend akkurat, rhythmisch famos getanzt von Cook. Slapstickartig verzahnen sich die Bewegungen mit der Musik, aber es wirkt nie albern, nie als bloßes Zitat, sondern durch und durch gegenwärtig.

Es folgen diverse Szenen: ein Selbstmörder (Robin Strona), eingehüllt in brüchig-zerfallene Schleier, der mit diesen tanzt wie Isadora Duncan. Ksenia Ryzhkova als Prostituierte: kühl, selbstbewusst und sexy. Ein Paar (Carollina Bastos und Jinhao Zhang), weich und zugewandt und trotzdem mordet er sie. Sevérine Ferrolier als sich verdoppelnder Horror-Geist, der in der Badewanne ertränkt wurde. Das Geräusch der Ertrinkenden rahmt das Stück: In den Moment des Todes der einen treten die anderen Toten wie Visionen. Aber man folgt diesem Gruselkabinett leichtfüßig, weil Kaydanovskiy die wundervolle Gabe hat, sehr neuartige Bewegungsqualitäten und Körperformen zu erfinden, die dennoch einfach zu dechiffrieren sind. Sein Handlungsballett ist sinnlich erfahrbar, verstehbar und dennoch neu. Das ist so toll wie ungewöhnlich.

© SZ vom 03.03.2021
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