Bauarbeiten in der Innenstadt Dieser Bagger saugt Münchens Untergrund leer

Saugen statt baggern: Um nicht Tausende Leitungen mit Schippe und Spaten verlegen zu müssen, kommt bei den Bauarbeiten zur zweiten Stammstrecke ein Saugbagger zum Einsatz.

(Foto: Florian Peljak)
  • Unter anderem für die zweite Stammstrecke wird gerade in der Münchner Innenstadt sehr viel gegraben.
  • Das Problem dabei: In der Erde sind unzählige Leitungen verlegt, dazu auch noch einige, die auf keinen Plänen verzeichnet sind.
  • Alle Leitungen klassisch freizulegen, würde zu lange dauern. Darum wird das Erdreich kurzerhand weggesaugt.
Von Philipp von Nathusius

Der Boden unter dem Pflaster der Münchner Altstadt ist wie die Server des Internetriesen Google: Er vergisst nicht. Archäologen und Geologen können zum Beispiel aus dem, was sie bei den Bauarbeiten zur zweiten Stammstrecke im Untergrund finden, lesen wie aus einem Buch. Auch für die Ingenieure, Poliere und Baggerfahrer auf der Baustelle hinter dem Rathaus hält er immer wieder Überraschungen parat. Versorgungskabel zum Beispiel, die auf keinem Plan verzeichnet sind und deren Existenz erst bei den Aushubarbeiten zu Tage tritt.

Das Problem: Der Münchner Marienhof hat eine extrem komplexe Spartenlage. Der Begriff Sparte stammt aus dem Tiefbau. Er beschreibt Leitungen aller Art, die unter der Erde verlaufen. Abwasserrohre, Kabel für die Straßenbeleuchtung, Starkstrom, Telefondrähte, eben alles, was die Stadt so braucht, um zu funktionieren, was der Mensch an der Oberfläche aber nicht sehen möchte.

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"Vor Bettenrid sind wir auf eine solche, extrem dichte Spartenlage gestoßen", berichtet Ulrich Axmann. Der Projektingenieur betreut die Großbaustelle für die Deutsche Bahn. Mehr als 50 Einzelrohre liegen zum Beispiel an der Ecke Schrammerstraße-Theatinerstraße im Boden. "Da kommt man nur mit dem Saugbagger schnell voran", sagt Axmann. "Ohne den müssten wir alle Leitungen von Hand mit der Gartenschaufel freigraben."

Tausende Leitungen mit Schippe und Spaten verlegen? Das klingt nach hundertjähriger Bauzeit. Fertigstellung im Jahr 2126 - also alles was Recht ist. Aber was soll das bitte sein, ein Saugbagger? Als "großen Staubsauger auf Rädern" beschreibt Axmann das Spezialgerät. Seit April ist es vor Ort. Bei neugierigen Passanten hat sich die Maschine zum Publikumsliebling entwickelt. Ein rüstiger Senior aus Luzern berichtet mit breitem Grinsen, er habe seiner Frau bereits ein Foto der Maschine geschickt, mitsamt Aufschrift.

"Saugen statt Baggern" prangt in weißen Lettern auf dem schwarzen Fahrzeuglack. Auf den ersten Blick wirkt der Saugbagger wie ein großer Lastwagen, wenig außergewöhnlich. Doch der Spruch macht viele neugierig, nicht nur den Schweizer Rentner. Dass vor der Insel Sylt schwimmende Bagger im Einsatz sind, um mit aufgesaugtem Sand vom Meeresboden der Eiland-Erosion entgegen zu wirken, ist ja selbst im fernen München schon so was wie Trivialwissen. Dass aber auch das Absaugen von festem, komprimierten Untergrund möglich ist, bringt den geneigten Laien zum Staunen.

Faustgroße Klumpen, angepresster Kies, alles, was dem Saugbagger an der Ecke Landschaftsstraße-Weinstraße vor das Schlauchende kommt und hineinpasst, löst sich durch die Saugkraft vom Untergrund. Zisch und weg. Die Materie saust empor, verschwindet im gezackten Saugschlund und landet im Abraumbehälter. Mit enormen Getöse.

Immer wieder bleiben Fußgänger stehen, gucken, halten sich die Ohren zu, ziehen die Augenbrauen staunend nach oben, zücken das Handy. Zwei Turbinen sorgen für viel Krach und für den Unterdruck, der 20 000 Liter Ansaugvolumen pro Minute erzeugt. Per Fernbedienung steuert ein Maschinenführer den Riesensaugschlauch und den Lkw.

Binnen weniger Minuten hat der Rüssel ein 60 Zentimeter tiefes Loch ausgesaugt. Blau, grün und weiß schimmern die ersten Leitungen durchs braungraue Erdreich. Dann sind sie gänzlich freigelegt - ohne dass irgendeine Baggerschaufel Gefahr gelaufen wäre, eine der Leitungen zu beschädigen. Und ohne eine einzigen Spatenstich.

Der Saugbagger ist viel schneller als der normale Bagger

Etwa dreimal so teuer wie eine herkömmliche Freilegung kommt die ausführende Baufirma der Saugbagger-Einsatz zu stehen. 167 Euro veranschlagt die Verleihfirma, pro Stunde. Das ist in etwa die Summe, die ein halbwegs solider Haushaltssauger kostet. Doch der Saugbagger ist auch in etwa fünfmal schneller als die Variante Mini-Bagger und Schaufel. Die Rechnung geht offenbar auf - für beide Seiten.

Die Frankfurter Firma hat für den weiteren Einsatz eigens eine neue Dependance gegründet. Man ist auf Wachstumskurs. Zwei weitere Riesensauger für die bisher fünf Maschinen starke Flotte sind geordert. Einer davon, ganz dem Dauereinsatz bei der Münchner Stammstrecke verpflichtet, soll eine weißblaue Lackierung erhalten. Die neue Niederlassung hat, so findet man das zumindest im Internet, ihren Sitz in "Unterführung bei München". Eine - zumal für eine Baufirma - lässliche Freudsche Fehlleistung, die auf der Firmen-Homepage selbst inzwischen auch schon korrigiert wurde. Aber Google vergisst eben genauso wenig, wie der Boden unter Münchens Altstadt.

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