Ballett:Verausgabungswunder

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Ballett: Volkstanz nur noch als Zitat: Das Bayerische Junior Ballett in der Choreografie "Bonbon" von Lior Tavori bei der Herbst-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung.

Volkstanz nur noch als Zitat: Das Bayerische Junior Ballett in der Choreografie "Bonbon" von Lior Tavori bei der Herbst-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung.

(Foto: Marie-Laure Briane)

Die Herbst-Matinee der Bosl-Stiftung wird zum Tanzereignis mit Lior Tavoris Uraufführung "Bonbon".

Von Jutta Czeguhn

Wie bei einer Achterbahnfahrt wird man rückwärts in den nicht eben bequemen Sitz der Staatsoper gedrückt, nur um gleich wieder nach vorne auf die Kante gesogen zu werden. Die da auf der Bühne, die tanzen sich gerade mit High-Speed in eine Art rituelle Trance hinein, als ob sie uns, das Publikum längst vergessen hätten. Barfuß, zur zerhackten, pulsierenden Musik des Komponisten Itamar Gross (Auftragswerk) lässt der israelische Choreograf Lior Tavori die jungen Frauen und Männer des Bayerischen Junior Balletts hier großartige, verstörende Tanzkunst zeigen.

"Bonbon" nennt er diese Uraufführung bei der Herbstmatinee der Bosl-Stiftung. Warum auch immer. Nichts ist da süß, wir sehen - als klinischkalte Zitate - Gesten, Schritte, Formationen aus dem Volkstanz, der in Israel zur Überlebenskultur gehört. Und da sind Männerduette, Frauenduette, nein, Duelle, Sprungakrobatik, Bodennahes, erotische Umklammerungen, Zusammenrottungen. Alles unter Hochspannung, instinkthaft und doch unfassbar präzise. Kein Stück eigentlich für einen Tanzmittag, sondern abendfüllend in seiner großen Qualität.

Nahezu ausverkauft war das Haus bei der Sonntagsmatinee, die neben diesem Verausgabungswunder noch einiges mehr aufbot. Dabei hätten viele im Publikum Tavoris Bonbon-Fontäne beinahe verpasst, weil sie dachten, die "Liebesbotschaften" wären bereits der Höhepunkt gewesen. Acht äußerst elegante Choreografien zu Liedern von Franz Schubert (vom Band), mal ruhig, empfindsam weich getanzt zu Christine Schäfers kristallklarem Sopran, mal als explosive Körperarbeit zu Dietrich Fischer-Dieskaus Bariton. Seelenvoll war das alles und dabei technisch meisterhaft.

Schnell vergessen waren da die kleinen Ungenauigkeiten, die zuvor in Georges Balanchines "Allegro Brillante" die Synchronie gestört hatten. Dieser Klassiker quasi als hochanspruchsvolle Aufwärmarbeit, ohne die es bekanntlich im Ballett nicht geht, wie die Jungstudierenden der Münchner-Ballett-Akademie eingangs mit ansteckender Freude in ihren "Exercices" demonstriert hatten. Selber schuld, wer sich die zweite Vorstellung am 4. Dezember entgehen lässt.

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