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Balkone in München:"Wenn ich einen Euro für jedes Foto bekäme, wäre ich schon Millionär"

Die nackten Zwerge hat Stechbarth so platziert, dass sie Kinder von der Straße nicht sehen können.

(Foto: Robert Haas)

Bei Werner Stechbarth leben 35 Gartenzwerge auf dem Balkon. Nicht alle der bunten Gesellen sind jugendfrei. Aber für das Problem gibt es eine Lösung.

Werner Stechbarth nutzt seinen Wohnraum in München bis zum Letzten. 365 Uhren hängen oder stehen in seiner Stube, die meisten sind Kuckucksuhren. Im Schaltjahr 2016 brachte er, für den zusätzlichen Tag, noch eine mehr an. Etwa 60 Quadratmeter hat er insgesamt, davon mehr als 20 für das Kuckucksuhren-Wohnzimmer und etwa acht für den Balkon. Dort versammelt Stechbarth seine Gartenzwerge. Zur Zeit sind es 35 an der Zahl. Man könnte den Balkon damit als ausgelastet betrachten. Aber Stechbarth würde bestimmt noch mehr Gartenzwerge unterkriegen.

Der 69-Jährige ist alles andere als ein Messie. Seine Einrichtung hat System. Das Schlafzimmer ist Kuckucksuhr-frei. Die Gartenzwerge, hoch wie ein Masskrug oder bis übers Knie reichend, sind nach Regeln der Ästhetik angeordnet. Sie stehen zwischen den Pflanzen, die Stechbarth auf dem Balkon anbaut: Himbeeren, Tomaten oder Radieschen. In der Topferde stecken zusätzlich Flaggen aus aller Herren Länder. Wer von unten zu diesem Balkon im zweiten Stock hochschaut, glaubt, in eine Jahrmarktsbude zu blicken, die es in einen sehr geradlinigen Siebzigerjahre-Bau verschlagen hat.

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Da bleiben viele Passanten erst einmal stehen. "Wenn ich einen Euro für jedes Foto bekäme, wäre ich schon Millionär", behauptet Stechbarth. Er wirkt fidel. Unter seinem Balkon bemerkt er oft Touristen aus den umliegenden Hotels, oder Nachbarschaftskinder - letztere spielen gerne "Wer-kennt-die-Flagge". Es ist April, und der als Junggeselle lebende Rentner sitzt im Sweatshirt auf seinem Balkon, aus der Wohnung erklingt Radio Arabella. Das wird die kommende Zeit wohl alles so bleiben. Er verreist kaum noch, sagt er. Wegen seiner Pflanzen. Die alle zweimal am Tag zu gießen, das könne man ja von keinem Nachbarn verlangen.

Früher ist er viel verreist und brachte Flaggen als Souvenirs mit. 35 Jahre lang hat er als Koch für die Lufthansa zuerst in Riem und dann in Erding gearbeitet. Heute schenken ihm seine Freunde Fahnen für den Balkon - häufiger aber Gartenzwerge. Wie es Sammlern, die ihre Vorliebe kundgetan haben, eben gerne passiert. In der Zeitung lese er immer, dass Gartenzwerge spießig wären. Er findet das nicht. Warum er ausgerechnet auf Gartenzwerge kam, kann er aber nicht mehr sagen.

Bei den Kuckucksuhren ist das anders. 1975 war er in Acapulco, dort gefiel es ihm gut, und dort erstand er auch seine erste Kuckucksuhr: nicht eine nach Schwarzwälder Vorbild, sondern eine, in der sich die Zahnräder in einer Coladose drehen. Auch seine Gartenzwerge sind nicht alle traditionell. Zwei weibliche Exemplare tragen Bikini und ein Kerlchen ist Exhibitionist. Die gab es aber nicht im Gartencenter, oder? Nein, die hat er geschenkt bekommen, sagt Stechbarth. Er tippt auf die Einkaufsquelle Internet. Und hat die drei so platziert, dass Passanten sie nicht sehen können: "Da unten gehen ja auch viele Kinder entlang."

Die Verwaltung war von der Balkongestaltung alarmiert

Im Hinterhof des Gebäudes pflanzt Stechbarth seit einiger Zeit Tulpen. Er ist jemand, der gerne Buntes sieht. Nicht jeder kann oder will das tolerieren. Er erzählt von Nachbarn, die es ärgert, dass sein Balkon "das Bild vom Haus" störe. Er habe auch einmal Post von der Hausverwaltung erhalten, die von seiner Balkongestaltung alarmiert war. Das habe er ignoriert. Ein paar Jahre sei das jetzt her.

Doch kürzlich gab es einen Drohbrief, sagt er. Die Nachricht ist mit der Schreibmaschine getippt. Der anonyme Absender schimpft wüst über den Batterieverbrauch seiner Uhren. Stechbarth schüchtert das nicht ein. Viele loben ihn schließlich für seine Wohnungseinrichtung. Oder für seinen Balkon - den einzigen Teil seiner Einrichtung, der Nachbarn oder Passanten ins Auge springen kann. Von den 365 Uhren wusste der anonyme Absender vermutlich, weil regionale Medien den Sammler Stechbarth schon öfter interviewt haben. Seit 42 Jahren sucht er nach Uhren, inzwischen vor allem im Internet. Seit 1985, seinem Einzug, stellt er Gartenzwerg um Gartenzwerg auf den Balkon. Bald ist Schluss, sagt er, es sei ja kaum noch Platz.

Zur Zeit wehen auf dem Balkon in der Au unter anderem die Farben von Argentinien, Bayern, Deutschland, Japan, Mexiko, die EU-Fahne und die Regenbogenflagge. Der Fußball ist zweimal vertreten. Stechbarth ist Bayern-Fan, hat aber angeblich Bedenken, nur für eine Mannschaft Flagge zu zeigen. Deshalb flattert auch eine Löwen-Fahne auf seinem Balkon: "Hier in München muss man da ja aufpassen."

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