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Ausstellung:Wie eine Münchner Fotografin versucht, das Grauen einzufangen

Schädel im verglasten Stupa bei den "Killing Fields" von Choeung Ek. Die Zuckerpalme spielt eine wichtige Rolle in der Khmer-Kultur:

(Foto: Ann-Christine Woehrl / Echo Photo Journalism)

In den Siebzigerjahren blieb kaum eine Familie in Kambodscha vom Genozid verschont. Zwei Millionen Menschen starben. Wie kann man das künstlerisch verarbeiten?

Da ist Stacheldraht. Der am Eingangstor ist seltsam verhakt gegen einen milchig-blauen Himmel. Der an den Brüstungen der oberen Stockwerke bildet grafische Linien. Dort sollte er die Menschen davon abhalten, sich herabzustürzen. Der Tod als Erlösung. Denn alles war besser als das, was die Gefangenen hinter den Mauern erwartete: Waterboarding, Elektroschocks, Kneifzangen zum Herausziehen der Fingernägel, glühende Eisen, um die Brustwarzen zu malträtieren. Mittelalterliche Foltermethoden im 20. Jahrhundert. Gleichsam ins Mittelalter katapultierten "Bruder Nr. 1" Pol Pot und seine Roten Khmer mit ihrer Idee eines Agrarstaates Kambodscha während ihres Schreckensregimes von 1975 bis 1979.

Heute ist das berüchtigte Foltergefängnis S-21 in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh das "Tuol Sleng Genocide Museum". Es erinnert an die Menschen, die hier zu Tode gefoltert wurden, an die Kinder und Greise, die auf den "Killing Fields" erschlagen wurden, und an die Tausende, die in den Umerziehungslagern und bei der Zwangsarbeit auf den Feldern an Hunger und Krankheit starben. Hier suchten nach dem Sturz des Regimes Überlebende nach Spuren ihrer Angehörigen.

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Die systematische Bürokratie der Todesmaschinerie mit Akten und Fotos offenbarte: Es gab keine Familie im ganzen Land, die nicht von dem Genozid betroffen war. Annähernd zwei Millionen Menschen, vor allen Lehrer, Intellektuelle, aber auch Mönche, waren getötet worden - ein Viertel der Bevölkerung. Und viel mehr hatten im Unrechtsregime mitgemacht, als man geahnt hatte. Die Täter lebten Tür und Tür mit den Überlebenden. Ein Schock für die Kambodschaner, den sie zu verdrängen suchten. Ein internationales Tribunal bemüht sich seit nunmehr zehn Jahren, den Völkermord aufzuarbeiten - was ins Dunkel des Vergessens gedrängt worden war, wird ans Licht gebracht. Für alle eine Qual.

Die Münchner Fotografin Ann‐Christine Woehrl kam 2013 nach Kambodscha. Woehrl ließ die Geschichte des Landes, in dem viele eine Parallele zur deutschen Geschichte erkennen, nicht mehr los. Wie konnte es geschehen, dass ein Volk sich so grausam gegen die eigenen Leute wendete? 2015 und 2016 kam Woehrl erneut. Sie begegnete den Blicken der Gefangenen auf den Fotos im Museum, die spürte den Hinterlassenschaften einiger Anführer der Roten Khmer im Norden des Landes nach, sie besuchte das Tribunal in Phnom Penh.

So sind in ihrer Ausstellung "Shaded Memories - Der Schatten über Kambodscha" im Museum Fünf Kontinente auch viele Fotos von Gefangenen zu sehen, die zu Hunderten an den Wänden des Museums prangen. Woehrl hat sie im Licht- und Schattenspiel des Museums künstlerisch in Szene gesetzt. Da ziehen sich Schlagschatten der vergitterten Fenster über Gesichter und kerkern ein, wo die Seelen längst dem Kerker entflohen sind. Lichtstreifen fallen auf Augen, deren Leuchten längst erloschen ist.

Diese Ästhetisierung setzt sich fort: Die Räume des S-21 leuchten in warmer Lichtstimmung oder grafischer Anmutung. Künstlerisch beeindruckend ist die Nahaufnahme eines Archivregisters. Fast heroisch wirkt das Licht- und Schattenspiel auf einem gläsernen Stupa mit den Schädeln der Ermordeten. Auf einem weiteren Schädel-Stupa in Choung Ek, dem wohl bekanntesten "Killing Field", spiegelt sich eine Palme im Glas. Sogar Pol Pots Grab und einem halb versunkenen Kahn in einem See bei Ta Moks Haus - er trug den Beinahmen "der Schlächter" - kann Woehrl eine ästhetische Seite abgewinnen. Die Aufnahmen sind beeindruckend - und oft beeindruckend schön. Vielleicht zu schön?

Auch Plastiken sind im Museum Fünf Kontinente zu sehen: Die ursprünglich vierarmige Figur stellt wohl Harihara dar, eine Gottheit, die Aspekte von Vishnu und Shiva, Erhalter und Zerstörer der Welt, in sich vereinigt.

(Foto: Ann-Christine Woehrl / Echo Phot)

Wie kann man als Künstler mit der Erinnerung an einen Völkermord umgehen? In Erinnerung an den Holocaust wird oft die Frage aufgeworfen: Kann man Auschwitz darstellen? Die Frage treibt Künstler um, sobald sie sich dem Thema nähern. Welches Ringen es zur Folge hat, zeigen eindrücklich die Werke des deutschen Malers Gerhard Richter, der in seiner Birkenau-Serie beispielsweise von der Gegenständlichkeit zur völligen Abstraktion gelangte.

Junge Kambodschaner ziehen lachend durch die Ausstellung

Ann‐Christine Woehrl wagt mit ihren Aufnahmen eine Gratwanderung. Sie will das Grauen so einfangen, dass auch unbedarfte Betrachter nicht sogleich abgestoßen werden. Dass sie über die Ästhetik angezogen werden und erst über die Bildtexte erfahren, worum es eigentlich geht. Ist das naiv? Schwierig ist es in jedem Fall. Aber die Reaktionen der Betrachter, die vor den Fotos verweilen und danach diskutieren, mögen ihr Recht geben.

Das Fotoprojekt von Ann-Christine Woehrl wird im Museum Fünf Kontinente in München auch von einigen ausgewählten Khmer-Skulpturen aus der eigenen Sammlung begleitet. Fast zeitgleich sind die Fotos im Tuol Sleng Museum im Phnom Penh zu sehen. Der Direktor des Museums, Visoth Chhay, erzählte in München, dass sein Haus etwa 65 000 Besucher pro Jahr habe, 90 Prozent davon kommen aus dem Ausland. Die Fremden sind nicht diejenigen, die sich von der Wahrheit abschrecken lassen. Es sind vor allen die jungen Kambodschaner, die von der eigene Geschichte nichts wissen wollen und, wenn sie denn mal da sind, lachend und Selfies postend durchs Museum ziehen.

Shaded Memories. Der Schatten über Kambodscha. Fotografien von Ann-Christine Woehrl. Museum Fünf Kontinente, Maximilianstraße 42, bis zum 17. September, Di-So 9.30-17.30 Uhr

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