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Ausstellung:Angeschwemmte Hoffnungen

Was wie inszeniert wirkt, hat Herlinde Koelbl so vorgefunden: Berge von Schwimmwesten auf der griechischen Insel Lesbos, und in der Mitte ein Sessel, der wie der Thron eines Königs wirkt. Eines Herrschers, der sein Glück auf dem Unglück anderer aufgebaut hat.

(Foto: Herlinde Koelbl)

Das Literaturhaus München zeigt das Projekt "Refugees. Eine Herausforderung für Europa" der international bekannten Münchner Fotografin Herlinde Koelbl.

Was wird aus den Hunderttausenden Flüchtlingen, wenn sie aus den Scheinwerfern der Nachrichtensendungen heraustreten und aus den Schlagzeilen der Tageszeitungen verschwinden? Jene Menschen aus Syrien, Afghanistan, Iran und dem Irak, aus Somalia, Nigeria und vielen anderen Ländern, die auf der Flucht sind vor Krieg und Vertreibung, ethnischer und religiöser Verfolgung, Krankheit, Hunger und Gewalt. Was wird aus ihnen, wenn sie angekommen sind, ohne angekommen zu sein? Wenn sie ausharren, wo sie nicht ausharren wollen, sondern weiter frei sein und eine Heimat finden wollen?

Die international renommierte Münchner Fotografin Herlinde Koelbl ist im Auftrag des Europarats monatelang durch Europa gereist. Sie hat Ankunfts- und Aufnahmelager besucht, hat mit Flüchtlingen gesprochen und sie und ihre Lebensumstände fotografiert. Entstanden ist daraus das Projekt "Refugees. Eine Herausforderung für Europa", das im vergangenen Jahr zum internationalen Flüchtlingstag erstmals im Europarat in Straßburg präsentiert wurde und nun im Münchner Literaturhaus Station macht.

Koelbl reiste für das Projekt an die Grenzen Europas, nach Griechenland und Italien und an die griechisch-mazedonische Grenze. Auf Lesbos hat sie Berge von Schwimmwesten fotografiert, in deren Mitte ein Sessel steht, der wie der Thron eines Königs wirkt. Eines Königs, der sein Reich auf dem Glück und Unglück von Flüchtlingen aufgebaut hat. Auch wenn es so wirkt, hier ist nichts inszeniert. Koelbl hat die Szenerie so vorgefunden.

Wer weiß, dass die Flüchtlinge mehrere Tausend Dollar pro Überfahrt bezahlen, kann sich ausrechnen, wie viel Geld da auf einem Haufen liegt - und wie viel Geld die Schlepper mit den Hoffnungen der Flüchtlingen gemacht haben. In Idomeni hat Koelbl Grenzzäune und im Niemandsland campierende Flüchtlinge fotografiert. In Sizilien traf sie auf einen Flüchtling aus Afrika, dessen Rettungsfolie vom Wind aufgebläht wurde, so dass der junge Mann aussah wie ein König in goldglänzender Robe.

Auch deutsche Erstaufnahmelager hat Koelbl besucht, wo die Menschen zum Warten verdammt sind. Die Versorgung mag hier besser sein. Die Verzweiflung ist kaum kleiner.

Refugees. Eine Herausforderung für Europa. Fotografien von Herlinde Koelbl, Literaturhaus, Salvatorplatz 1, Fr., 17. März bis 7. Mai, Mo. bis Mi., Fr., 11-19 Uhr, Do. 11-21.30 Uhr, Sa./So./Feiertage 10-18 Uhr; erste begleitende Lesung: Fr., 17. März, 20 Uhr: Imbolo Mbue: "Das geträumte Land"

© SZ vom 16.03.17/bhi
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