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Ausgehen:Wenn der Schaumwein demokratisiert wird

Bar Perlwerk in München, 2017

Schaumwein, Sekt, Champagner - es kommt auch auf die Inszenierung an.

(Foto: Florian Peljak)

Die Trinkvorlieben ändern sich, je älter man wird - und je besser der Geldbeutel gefüllt ist.

"Das beste am Champagner", sagt der junge, braungebrannte und sonnenbebrillte Mann an einem Dienstagmorgen im Café in Untergiesing, sich das letzte Stück Butterbreze in den Mund stopfend, "ist, dass man davon keinen Kater mehr bekommt". Es ist so ein hingeworfener Satz, man schnappt ihn zufällig auf und sofort schießt es einem durch den Kopf: Geh doch nach Schwabing und schlürf' deinen Schampus dort!

Komplexitätsreduktion durch Typisierung, so nennen es Soziologen, wenn man auf Vorurteile und bewährte Denkmuster zurückgreift, um die allzu komplizierte Welt schneller zu erfassen. Ist eben zu mühselig, in jeder Situation en détail zu analysieren, warum Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten.

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Aber das ist ungerecht gegenüber dem unbekannten Champagnertrinker. Denn, mal ehrlich, über die Jahre betrachtet beobachtet man auch bei sich selbst eine Veränderung der Trinkvorlieben. Früher als Student begnügte man sich mit lauwarmem Dosengesöff oder einem Zwei-Euro-Rotwein vom Discounter zum Vorglühen vor der Party.

Heute zahlt man bereitwillig viel zu viel Geld für unbayerisch kleine 0,33-Liter-Bierflaschen, die einem auf Urban Beaches gereicht werden oder an Mixologen, die ihre Kreationen nicht in Gläser, sondern in beschichtete China-Imbiss-Boxen füllen. Und was war man neulich fasziniert, als einem ein äußerst versierter Bartender in einer im New-Orleans-Stil gestalteten Bar einen exakt quadratischen Riesen-Eiswürfel ins Glas setze und den Absinth-Drink darüber sanft ins Glas tröpfeln ließ. Selbst Luke Skywalker mit seinem Laserschwert hätte ihn nicht formschöner aus dem Eisblock schneiden können. Auch egal, dass 16 Euro weg waren.

Die Szene in Untergiesing, sie muss also neu analysiert und im Lichte einer geeigneteren soziologischen Theorie bewertet werden. Selbst renommierte Tester sagen inzwischen, dass ein Champagner aus dem Supermarkt für 13 Euro völlig okay sein kann. Dann wäre der Satz des Unbekannten kein Zeichen der Gentrifizierung des Arbeiter-Stadtteils, sondern der Beweis für die Demokratisierung des französischen Schaumweins.

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