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Traditionsreiches Stadtteil-Medium:Abschied von einem Stück Heimat

Die Aubing-Neuaubinger Zeitung stellt nach 94 Jahren ihre Druckausgabe ein. An Abonnenten mangelt es nicht, aber an Werbeeinnahmen. Ob das Blatt weiter online erscheint, ist offen

Von Ellen Draxel

Sie war die älteste und letzte noch erscheinende Stadtteilzeitung Münchens, die über Abonnenten verfügte und gegen Bezahlung im Laden zu erwerben war: die Aubing-Neuaubinger Zeitung (ANZ). Mit Ausnahme der Jahre des Zweiten Weltkriegs mischte das Blatt 94 Jahre lang auf dem Münchner Zeitungsmarkt mit. Jetzt wurde die "Unabhängige Lokal- und Heimatzeitung im Münchner Westen", wie sie sich selbst nannte, zumindest in der Printversion eingestellt. Ende Juni erschien die vorerst letzte gedruckte Ausgabe.

"Schuld ist die Corona-Krise", sagt Geschäftsführer Peter Malter. "Unsere Werbeeinnahmen sind seit März eingebrochen, und bis zum Jahresende fallen alle großen Anzeigen weg." Geld brachten sonst üblicherweise die großen Veranstaltungen im Viertel, das Aubinger Herbstfest etwa oder das Weinfest. Doch diese Events wurden heuer, bedingt durch die Pandemie, abgesagt. "Klar, wir haben noch unsere 800 Abonnenten", relativiert der frühere Aubinger Bezirksausschuss-Vorsitzende. "Aber das reicht nicht. Deshalb mussten wir jetzt die Reißleine ziehen." Zu hoch sind Lohn- und Druckkosten. Möglich, dass das Blatt aber online weitergeführt wird. Große Gewinnmargen habe das Blatt bereits in den Jahren zuvor nicht mehr erwirtschaftet, sagt Redakteurin Martina Krämer. "Ich bin jetzt 35 Jahre bei der Zeitung, und der Pleitegeier ist immer schon über uns gesegelt."

1000-Jahrfeier Aubing

Traditionsblatt für traditionsbewusste Aubinger: Die ANZ wusste, was den Stadtteil bewegt, etwa 2010 die 1000-Jahrfeier.

(Foto: Günther Reger)

Doch irgendwie ging es stets weiter. Man sparte eben - statt in Farbe erschien die Printausgabe in Schwarz-Weiß. Erschien das Blatt früher einmal täglich, kam es zuletzt wöchentlich heraus. Und statt vieler Mitarbeiter gab es zuletzt nur noch Krämer. Als "Einzelkämpferin" recherchierte sie, schoss Fotos, schrieb die Artikel und übernahm das Layout. "An Idealismus und Herzblut hat es uns nie gemangelt, das hat uns Jahrzehnte getragen", sagt die heute 60-Jährige. "Aber jetzt genügt das einfach nicht mehr."

Die Aubinger Zeitung, sie war von Anfang an ein volksnahes Blatt. Ins Leben gerufen hatte sie im Oktober 1926 der Aubinger Buchdrucker Josef Heinrich Jeup - in einer Zeit, in der Arbeitslosigkeit und materielle Not weite Teile des Alltagslebens beherrschten. Eine breite Markteinführungskampagne konnte Jeup sich nicht leisten, also machte er sein Redaktionszimmer zu einem Treffpunkt für Hilfe- und Ratsuchende. Geschäftsstelle und Druckerei der ANZ waren damals an der Josefstraße, der heutigen Pretzfelderstraße; die mittwochs und samstags erscheinende Zeitung kostete 50 Pfennig im Monat. Jeup wusste, was seine Mitbürger und die politischen Vertreter bewegte. Sukzessive baute der Verleger und Journalist in Personalunion das Medium zu einem festen Bestandteil innerhalb der Gemeinde aus - bis 1939. Dann kam der Zweite Weltkrieg, und die NS-Gleichschaltung beendete jäh Jeups Lebenswerk.

Print-Aus für die Aubinger Zeitung

Der Gründer war 1926 osef Heinrich Jeup.

(Foto: Aubinger Archiv)

Es sollte bis 1948 dauern, ehe die Aubinger Zeitung unter der Ägide von Jeups Sohn Heinz wieder in Erscheinung trat. Der damalige Chefredakteur Helmut Völmicke arbeitete ähnlich wie Josef Heinrich Jeup: Sein "Geschäftszimmer" im Café Prestel kannten die Aubinger - und sie nutzten es. Völmicke wirkte bis in die 1970er Jahre hinein. Lange erhalten geblieben ist seine Kolumne "Kater Mucki", eine Glosse zu aktuellen Ereignissen aus Sicht seines Haustieres. Auf Helmut Völmicke folgte Klaus Speyer und von 1993 an Martina Krämer.

Wie die Journalisten wechselten im Laufe der Jahre auch die Herausgeber der Aubing-Neuaubinger Zeitung. Nach Heinz Jeup gehörte das Blatt lange Zeit zum Verlagswesen der Fürstenfeldbrucker Familie Hammerand. Den Amper-Kurier gibt das Haus noch heute heraus, die Wochenzeitung Brucker Echo, das Äquivalent zur Aubinger Zeitung in Fürstenfeldbruck, gibt es hingegen schon länger nicht mehr. Als der Hammerand-Verlag 2012 die Aubinger Zeitung ebenfalls einstellen wollte, spreizten sich mehrere engagierte Aubinger ein. "Wir haben dann den Sprung ins kalte Wasser gewagt und, ohne Kenntnisse dieses Geschäfts, die Aubinger Zeitung Betriebs GmbH gegründet", sagt Peter Malter. Denn die Aubinger sind sehr traditionsbewusst, und die Stadtteilzeitung bot ihren Lesern stets ein Stück Heimat - "was gerade in den heutigen Zeiten der Globalisierung und in einer Millionenstadt von kaum zu überschätzender Bedeutung ist", wie Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) anlässlich des 90-jährigen Bestehens des Blattes lobte. Außerdem, weiß Malter, der auch im Aubinger Archiv mitarbeitet, sei die Geschichte des Ortes in der ANZ "gut dokumentiert".

Print-Aus für die Aubinger Zeitung

Das ANZ-Redaktionsteam, bestehend aus Egbert Scherello, Edith Matyschik, Uschi Scherello, Martina Krämer, Regina Leugnerund Gabriele Uelses (v. li).

(Foto: Ulrich Krämer)

Gesellschafter der Zeitungs-GmbH sind seitdem er, Dietmar Possart und Ulrich Krämer. "Wir waren", resümiert der Geschäftsführer, "in den vergangenen acht Jahren auf einem guten Weg. Jedes Jahr hatten wir einen Umsatzzuwachs von fünf bis zehn Prozent." Hinzu kam: Die Zeitung war wieder wer in Aubing, die Leute kannten sie. Sogar einen Workshop mit externen Beratern gab es, bei dem eruiert wurde, wie eine Lokalzeitung aufgestellt sein muss, um sich zu rechnen. Allerdings wurde von diesem Konzept mangels Ressourcen nie etwas umgesetzt.

"Unsere Zielgruppe waren vor allem ältere Leser", erläutert Martina Krämer. Um zu überleben, müsste man sich aus ihrer Sicht wieder mehr den Jüngeren zuwenden. Sie selbst wird das jedoch nicht mehr tun. Die Leitende Redakteurin mit juristischem Staatsexamen hört auf. Ihre Zeit bei der Aubinger Zeitung bezeichnet sie als "großen Glücksfall", jetzt soll das Private wieder mehr in den Vordergrund rücken.

Eine kleine Hoffnung bleibt: Einen Nachfolger für Krämer hätte Peter Malter bereits, "wenn das nötige Kleingeld da wäre", wie er sagt. Wer es ist, will er nicht verraten. Zumal es nun erst einmal gilt, eine Internetausgabe zu stemmen. Ob das gelingt, ist offen.

© SZ vom 04.07.2020

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