Au:Offen für alle

Die beiden christlichen Kirchengemeinden in der Au haben gemeinsam den Verein "JoMa" gegründet, der einen Nachbarschaftstreff im Umkreis des ehemaligen Paulaner-Geländes einrichten will - eine neue Art der Ökumene

Von Johannes Korsche, Au

Erst eingeplant, dann abgelehnt und nun wiederbelebt, so ließe sich die bisherige Geschichte eines Nachbarschaftstreffs auf dem ehemaligen Paulaner Gelände in der Au erzählen. Wobei mit Blick auf die Initiatoren das Wort "auferstanden" wohl angebrachter wäre. Für den Treff haben sich die beiden christlichen Kirchengemeinden in der Au zusammengetan: die des evangelischen Pfarrer Peter Dölfel von Sankt Johannes und des katholischen Pfarrers Michael Schlosser der Mariahilfkirche. Den offiziell im April gegründeten Verein tauften sie "JoMa", kurz für die beiden Gemeinden.

Schlosser hat schon einen ganz besonderen Traum für den Treff: Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland, und Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz in Deutschland, beim Kaffee an der Regerstraße. "Da hätten sie etwas Gemeinsames." Keiner wäre Gast beim anderen, eine neue Art der Ökumene. Bis es soweit ist, werden aber wahrscheinlich noch mindestens zwei Jahre vergehen.

Baustelle Paulanergelände, Regerstraße, an ihrer Westseite

Die Menschen, die künftig hier leben, sollen einen Nachbarschaftstreff erhalten.

(Foto: Florian Peljak)

Es soll aber kein rein christlicher Raum entstehen, sondern ein Treff, das dem "Miteinander von allen" gewidmet ist, kündigt Dieter Rippel an, ehemaliger Vorsitzender der Freunde Haidhausens und seit Kurzem Vertrauensmann des Kirchenvorstands Sankt Johannes. Egal, ob und welchen religiösen Hintergrund man mitbringe, der Treff stehe allen offen, betonen alle drei Initiatoren. "Wir haben keine Missionsabsicht", sagt Schlosser. Viel eher soll das Angebot den "Menschen im Alltag begegnen", ergänzt Rippel. Kinderbetreuung, Schuldnerberatung und Lesungen statt Gottesdienste. Dafür, so die Idee, sei eine "Lotsen-Person" an Ort und Stelle, mit der jeder reden könne. Ein bisschen erinnert das an die Münchner Insel am Marienplatz. Außerdem wird der Raum auch günstig zu mieten sein, um zum Beispiel ein Geburtstagsfest auszurichten, wenn die eigene Wohnung dafür zu klein ist.

Zwar wird noch bis voraussichtlich Sommer oder Herbst 2021 gebaut, wo später einmal das kleine Café und ein Beratungsraum auf etwa 130 Quadratmeter einziehen soll. Vorbereitet ist aber schon fast alles. Mit dem Vermieter sei man sich bereits einig, es fehlt noch die Entscheidung der Stadt, ob sie das Projekt finanziell unterstützt. Es habe bereits Kontakt mit Vertretern einiger Stadtratsfraktionen gegeben, sagt Rippel, alle seien positiv gelaufen. Im Herbst dieses Jahres will das Sozialreferat eine entsprechende Vorlage in den Stadtrat bringen, die sich damit beschäftigt, ob und wie der Treff finanziell unterstützt werden kann. Das hatte die diesjährige Bürgerversammlung auf Rippels Antrag hin beschlossen.

Au: Für einen zukünftigen Nachbarschaftstreff setzen sich Peter Dölfel, Pfarrer Michael Schlosser und Dieter Rippel ein (von links).

Für einen zukünftigen Nachbarschaftstreff setzen sich Peter Dölfel, Pfarrer Michael Schlosser und Dieter Rippel ein (von links).

(Foto: Robert Haas)

Eine Tendenz, was das Referat den Stadträten empfehlen wird, will die Referatssprecherin Hedwig Thomalla nicht nennen. Noch 2017 kassierte das Sozialreferat einen bis dato vorgesehenen Nachbarschaftstreff auf dem ehemaligen Brauerei-Gelände. Die "statistischen Werte für die Planungsregion", sagt Thomalla heute, seien "nahezu ausnahmslos günstiger als die städtischen Vergleichswerte" gewesen. Soll heißen: Für die Anzahl von Einwohnern gab es in der Au schon recht viele vergleichbare Angebote, rechnet man das soziale Gefüge der Nachbarschaft noch mit ein, stand das Viertel für einen weiteren Treff zu gut da. Das Referat habe deswegen das Vorhaben "nicht weiter verfolgt". Die Vorteile eines solchen Angebots nennt Thomalla allerdings auch: die "Vernetzung der Bewohnerschaft sowie Integration und Inklusion".

Das wiederum passt sehr gut zum Konzept, dass JoMa umsetzen will. Denn, soziale und geografische Herkunft mal beiseite, mit dem Projekt der Bayerischen Hausbau ziehen etwa 3500 Neuankömmlinge in die Au. Bindet man die "Neuen" nicht in das bestehende Viertel ein, könnte das ehemalige Paulaner-Gelände zu einer abgeschlossenen Siedlung werden. Dem will die ökumenische Initiative entgegen wirken, auch wenn ihre Räume noch gar nicht existieren. So mietet sie derzeit die Räume der Nachbarschaftshilfe am Gebsattelberg an. Außerdem werde es für die Bewohner des neuen Blocks an der Welfenstraße Stadtteilführungen geben, kündigt Rippel an, mit anschließendem Umtrunk im Biergarten. Damit die Hergezogenen die Münchner Lebensart kennenlernen. Und vielleicht stoßen ja auch Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Marx eines Tages mit an.

© SZ vom 24.09.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB