Arbeiterwohlfahrt:"Darauf können wir stolz sein"

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SPD München

Die Sozialpädagogin Verena Dietl wurde 1980 in München geboren. Sie ist Fraktionsvorsitzende der SPD im Stadtrat und Vize-Vorsitzende der AWO München.

(Foto: Moses Omeogo)

Die stellvertretende Münchner AWO-Vorsitzende Verena Dietl erklärt, was den Wohlfahrtsverband von anderen Organisationen unterscheidet und was die Menschen in der Stadt bewegt.

Interview von Julia Bergmann

Hundert Jahre nach Gründung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ist das Beschäftigungsfeld des Wohlfahrtsverbands so groß wie nie. Seit zehn Jahren ist Verena Dietl, Fraktionsvorsitzende der SPD im Stadtrat, auch Vize-Vorsitzende der AWO München. Sie berichtet über die Entwicklung des Verbands, seine Nähe zur SPD, und sie erklärt, warum man als Erwachsener auch mal die eigenen Machtansprüche aufgeben muss.

SZ: Bei ihrer Gründung war die AWO noch als vorübergehende Organisation gedacht. Mit Erfüllung aller sozialpolitischen Forderungen sollte sie obsolet werden. Hundert Jahre später gibt es die AWO immer noch. Ist das eine Erfolgsgeschichte oder Grund zur Trauer?

Verena Dietl: Natürlich finde ich es schade, dass es in der Stadt immer noch eine so große Schere zwischen Arm und Reich gibt. Aber ich finde es zugleich schön, dass es immer noch Verbände gibt, die die Menschen in den Mittelpunkt stellen und sich um sie kümmern. Dass wir es als AWO immer geschafft haben, nah am Menschen zu arbeiten und denen zu helfen, denen es nicht so gut geht in unserer Gesellschaft, darauf können wir seit hundert Jahren stolz sein.

Ist die AWO heute noch dieselbe wie die vor hundert Jahren?

Einiges hat sich verändert, aber viele Gemeinsamkeiten sind geblieben. Das Kämpferische etwa und das Interesse daran, wie man die Gesellschaft zusammenbringen kann. Das hat auch die Gründerin Marie Juchacz ausgezeichnet, die sich unter anderem sehr für die Gleichstellung von Frauen in unserer Gesellschaft eingesetzt hat. Und die AWO macht nach wie vor aus, dass sie auch politische Forderungen stellt, wenn es irgendwo Bedarfslagen gibt.

Wo liegen die aktuell in München?

Vor Kurzem erst ist die AWO München neu eingestiegen in die Wohnungslosenhilfe, dafür wurden eigene Einrichtungen geschaffen. Ich glaube, dass wir es immer geschafft haben, schnell auf soziale Bedarfslagen zu reagieren. Auch vor einigen Jahren, als es ganz akut war mit den Flüchtlingen, die nach München gekommen sind.

Und wo liegen heute die größten Unterschiede zur AWO der Gründungszeit?

Während der ersten Jahre hat die AWO sehr individuell gefördert. Erst später hat sie auch eigene Häuser gebaut und dort eigene Einrichtungen, etwa Kindertagesstätten und Seniorenheime, betrieben.

Warum ist es so wichtig, dass die Häuser der AWO gehören?

Aus verschiedenen Gründen. Oft arbeiten wir ja mit Personengruppen zusammen, die auf dem freien Markt und gerade in dieser Stadt nicht so einfach eine Wohnung finden. Weil die AWO eigene Gebäude besitzt, können wir dort auch Wohnraum für sie schaffen. Wir haben auch immer wieder Wohnungen für unsere Mitarbeiter gebaut. Die Münchner AWO war übrigens einer der ersten Verbände, der in einer eigenen Einrichtung Kinderbetreuung angeboten hat. Dort und in der Altenhilfe liegt noch immer unser Schwerpunkt.

Wie bei vielen anderen Wohlfahrtsverbänden auch. Was genau unterscheidet die AWO von denen?

Die Historie, und dass wir uns dadurch auch sehr deutlich zu sozialpolitischen Angelegenheiten äußern. Die AWO vertritt außerdem ganz spezielle Werte, die unsere Arbeit sehr prägen. Dazu gehören Gleichstellung, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz.

Entstanden ist die AWO auf Bestreben der SPD. Wie sehr prägen diese Wurzeln den Wohlfahrtsverband heute noch?

Man hat damals gesagt, wenn man sozialpolitisch etwas ändern möchte, reicht es nicht, dass man Forderungen aufstellt. Es brauchte einen Wohlfahrtsverein, der das Ganze auch umsetzt. Das war der Leitgedanke von Marie Juchacz. Natürlich ist die Nähe zwischen SPD und AWO immer noch da. Auch ich bin damals über meinen SPD-Ortsverein zur AWO gekommen. Aber ich denke schon, dass die AWO sich später sehr eigenständig entwickelt hat.

Wie hat Sie die Arbeit bei der AWO persönlich geprägt?

Ich hatte immer den Anspruch, viel in Einrichtungen zu gehen und mich nicht nur in Vorstands- oder Rathaussitzungen über die Situation dort informieren zu lassen. Weil man dadurch viel besser erkennt, was den Menschen in dieser Stadt wirklich wichtig ist.

Was bewegt die Menschen denn wirklich?

Viele Menschen leben einsam und werden allein gelassen. Ich glaube, dass es immer wichtiger wird, Angebote zu schaffen, die die Menschen zusammenbringen. In der Großstadt bewegt die Menschen außerdem, dass das Leben so teuer ist. Gerade für Familien ist die Situation in München schwierig. Da wollen wir als AWO unterstützen, etwa mit guten Konzepten der Kinderbetreuung, sodass Familie und Beruf besser vereint werden können. Und mit einer verlässlichen Betreuungseinrichtung, in der Kinder auch zu mitbestimmenden kleinen Münchner Bürgern erzogen werden.

Zu mitbestimmenden kleinen Münchner Bürgern?

In den Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt soll das Demokratieverständnis der Kinder geschult werden. Das heißt, dass die Kinder wirklich von klein auf mitbestimmen dürfen.

Also so etwas wie Kindergarten-Wahlen?

Es gibt Versammlungen, in denen die Kinder abstimmen. Die, die noch nicht reden können, stimmen mit Zeichen ab. Zum Beispiel darüber, wie die Außengestaltung der Kindertagesstätte ausschauen soll. Es ist ein interessantes Konzept für die Kinder. Interessant ist das aber auch, weil man als Erwachsener seinen Machtanspruch zurückfahren muss. Es ist ja das A und O, dass unsere Kinder von Anfang an lernen, demokratisch mitbestimmen zu können. Das ist schon etwas besonderes an der AWO.

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