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Anonymität:Schon seit ewiger Zeit leb ich Tür an Tür mit - wem eigentlich?

Camilla lebt im vierten Stock. Gemeinsam mit ihrem Nachbarn hat sie ein Hoffest organisiert.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eine Münchner Studentin wollte das genauer wissen - und hat einfach mal bei den Nachbarn geklingelt.

Ein Mehrparteien-Haus im Münchner Westend. An der Hauswand rankt Efeu. Der Eingang der Nummer 78 liegt in einem grünen Hinterhof. Es ist ruhig. Zwei Kinder spielen auf dem kleinen Spielplatz: Sandkasten, Rutsche, eine Wippe. Die Eltern sitzen auf einer nahegelegenen Bank im Schatten. Camilla wohnt im vierten Stock. Sie ist 23 Jahre alt und studiert Slawistik. Ihre Wohnung: 45 Quadratmeter, kleines Schlafzimmer, Bad, Wohnzimmer, Kochnische.

Das Haus ist hellhörig. Wenn man in einem großstädtischen Mehrparteienhaus Wand an Wand wohnt, bekommt man einen Einblick in den Alltag seines Nachbarn. Ohne sich zu kennen. Anonymität trotz räumlicher Nähe. Ein klassisches Großstadtphänomen. Camilla findet das schade.

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Sie schwenkt ihre Tasse, zupft am Saum ihres luftigen Sommerkleids - es ist warm draußen. "Schöner ist es doch, wenn man weiß, wie es nebenan aussieht", sagt sie und nimmt einen Schluck Kaffee aus der Tasse mit München-Motiv. Jeder in seiner eigenen Wohnung und doch gemeinsam unter einem Dach. Zusammenleben, das mache der Mensch schon immer, hier aber lebe man eher nebeneinander her, sagt Camilla. Unter ihr wohnen zwei Familien, viele Rentner. Was machen die eigentlich?

Camilla klingelt im Erdgeschoss. Ernst öffnet. Er ist 68 Jahre, hat strahlend blaue Augen. Gerade spielt er Backgammon. Zu siezen kommt für ihn nicht infrage. Er lädt auf einen Campari-Orange ein. Seine Wohnung hat einen schmalen Flur, schmal auch deswegen, weil die ganze Wand mit hohen Bücherregalen zugestellt ist. Wohnzimmer und Kochnische, so wie bei Camilla. Auf dem Tisch stehen Kekse, daneben ein voller Aschenbecher. Ernst trägt eine braune, ausgebeulte Cordhose und einen weißen Pulli. Camilla kannte ihn bisher nur in seinem Warn-Mantel am Zebrastreifen vor dem Haus. Er ist freiwilliger Schulweghelfer. Sich ehrenamtlich zu engagieren, war ihm schon immer wichtig, wie er sagt. Sein halbes Leben hat er bei der Münchner Tafel mitgearbeitet, bei der Aids-Hilfe und eben als Schulweghelfer.

Ernst geht gerne auf Menschen zu. Deshalb kennt er eigentlich jeden im Haus. Anonymität? "Das liegt an einem selber", sagt er. Um sein Bein streicht eine seiner zwei weißen Katzen. Camilla sieht hinunter. "Meine Außerirdischen", nennt Ernst sie. Sie haben riesige Augen, sehen ein bisschen aus, wie "Grumpy Cat". "British Exotic Shorthair, eine besondere Rasse", erklärt Ernst.

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Eine ungeahnte Gemeinsamkeit von Camilla und Ernst. Sie hat auch Haustiere, Fische. Deshalb weiß sie es auch zu schätzen, dass es Menschen wie Ernst gibt: Er hat schon bei einigen Nachbarn die Haustiere gehütet, wenn sie im Urlaub waren. Für ihn ist das selbstverständlich. In seiner Jugend sei es immer üblich gewesen, sich gegenseitig auszuhelfen. "Heute hat jeder alles", sagt er, "wenn man weniger hat, rückt man viel eher zusammen und hilft sich." Als er vor sechs Jahren ins Haus gezogen ist, sei er noch von Tür zu Tür gegangen und habe sich vorgestellt. Heute mache das keiner mehr. "Stimmt", sagt Camilla und streichelt eine der Katzen. Mit seinem verstorbenen Lebenspartner hat Ernst in einer großen Wohngemeinschaft gewohnt. "Da stand für jeden die Tür offen, wir hatten viel Besuch," sagt er. Jetzt wohnt er allein, aber er fühlt sich nicht allein. Er weiß, wer seine Nachbarn sind, seine Nachbarn kennen ihn.

"Ein Hoffest, das wäre doch was", sagt er. Man müsse die Anonymität im Haus durchbrechen. Das Hoffest sollen alle gemeinsam organisieren. Camilla nickt. Bierbänke und Tische stehen im Keller. "Wollen wir einen Zettel im Hausflur aufhängen?", fragt Camilla. "Nein", sagt Ernst, "lass uns doch lieber von Tür zu Tür gehen, das ist persönlicher. Da fühlen sich alle angesprochen." "Stimmt eigentlich", sagt Camilla. "Jeder kann eine Kleinigkeit zu essen mitbringen, die Getränke bestellen wir beim Getränkemarkt um die Ecke", sagt Ernst. Der Plan steht.

Nach zwei Stunden verlässt Camilla Ernsts Wohnung. Sie geht in den zweiten Stock. Bei den Angers öffnet Edith. Sie ist 69, hat kurze blonde Haare, der Ansatz ist ergraut. Sie lächelt freundlich, bietet Camilla Hausschuhe an. Ihre Füße seien immer so kalt, sagt sie. Die Wohnung ist mit wuchtigen Antik-Möbeln eingerichtet, der Fußboden mit buntem Teppich ausgelegt. An den Wänden hängen Landschaftsmalereien in goldenen Rahmen.

"Es gibt Momente, in denen ich niemanden im Flur treffen möchte"

"Alles aus Tschechien", sagt Edith, die Camillas Blick gefolgt ist. Ihr Mann, Jakub, stammt von dort. Er ist vor 35 Jahren als Asylbewerber nach Deutschland gekommen, mittlerweile hat er die deutsche Staatsbürgerschaft. Geheiratet haben er und Edith aber erst vor fünf Jahren. Ob ihr das Haus anonym vorkomme, fragt Camilla. "Nein, eigentlich nicht", sagt Edith. "Ich weiß, wer wo wohnt, grüße immer und manchmal unterhält man sich auch kurz. Aber ja, es gibt auch Momente, in denen ich mal niemanden im Flur treffen möchte," sagt sie.

Jakub und sie arbeiten beide noch, um ihre Rente aufzustocken. Er in der Gastronomie, sie als Aushilfe bei einem großen Kaufhaus. "Wenn wir dann mal zu Hause sind, machen wir uns es gern gemütlich." Edith führt Camilla auf den üppig bepflanzten Balkon. Der Blick führt in den Hinterhof des Nachbarhauses. Auch grün, auch sehr ruhig. Nur wenn man zur Seite blickt, sieht man das ADAC-Hochhaus an der Hansastraße. In der Ecke auf dem Schaukelstuhl ist Jakubs Platz. Der Ohrensessel im Wohnzimmer gehört ihr. "Wir mögen es hier. Alle sind anständig, und wenn man sich mal braucht, wird geholfen."

Camilla verabschiedet sich, geht zur Tür. Dann fällt ihr das Hoffest ein. "Ernst aus dem Erdgeschoss und ich wollen ein Hoffest für das ganze Haus veranstalten. Ein bisschen essen, trinken, beisammen sein und sich besser kennenlernen. Hättet ihr darauf Lust?" Camilla sieht zu Edith. "Oh ja, das machen wir", sagt Edith und klatscht in die Hände. Kurz denkt sie nach. Sie will einen Kartoffelsalat machen und vielleicht noch einen Nudelsalat.

Zurück in ihrer Wohnung blickt Camilla aus dem Schlafzimmerfenster in den Hof. Sie sucht schon nach dem perfekten Platz im Hof, um die Tische aufzustellen. Sie freut sich auf das Hoffest. Freut sich, bald auch alle anderen Nachbarn kennenzulernen. Vielleicht hat Ernst Recht. Wie anonym man lebt, das liegt an einem selber.

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