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20. Jahrestag des Truderinger Busunglücks:Plötzlich tut sich die Erde auf

Busunglück in Trudering, 1994

Die Menschen im Bus schweben in Lebensgefahr.

(Foto: DPA)

Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich die Straße in einen Krater - und der Bus brach ein. An diesem Samstag jährt sich das Busunglück von Trudering zum 20. Mal. Drei Menschen kamen dabei ums Leben, 36 wurden verletzt.

Von Tilman Schröter

Nichts ahnend steht Herbert G. am 20. September 1994 an einer roten Ampel am Truderinger Bahnhof. Er ist Busfahrer der Linie 192. Plötzlich kommen drei aufgebrachte Bauarbeiter auf die Straße. Sie arbeiten gerade an der U-Bahnlinie 2 in Trudering und was sie eben an ihrer Baustelle im Tunnel gesehen haben, ist lebensgefährlich für die Menschen an der Oberfläche. Sie winken und gestikulieren aufgeregt. "Fahren Sie weg", rufen sie G. zu, der zunächst irritiert reagiert, es ist ja schließlich rot. Doch dann tut sich plötzlich die Erde auf.

Am Samstag jährt sich das Busunglück von Trudering zum zwanzigsten Mal. Drei Menschen kamen ums Leben, 36 wurden verletzt, als der Bus plötzlich in ein etwa acht Meter tiefes Loch einbrach.

Rainer Sonntag leitete damals den Einsatz der Feuerwehr am Unfallort. Eigentlich ist schon Büroschluss an diesem Dienstag, als er sich noch um einen Einsatz kümmern muss. An der Unfallstelle bietet sich ihm ein skurriles Bild. "Man muss sich das mal vorstellen: Man geht auf die Unfallstelle zu und sieht am Horizont einen Bus, der nur noch mit Führerhaus aus dem Boden ragt", erzählt Sonntag. "Das konnte ich erst mal gar nicht zuordnen."

Hohlraum unter der Straße

Schnell muss er die Situation in den Griff kriegen, die Menschen im Bus schweben in Lebensgefahr. Aber nicht nur sie. "Der Krater war sehr instabil, der Kies bröckelte von der Wand und große Schollen Asphalt brachen heraus", sagt Sonntag. "Das war eine sehr komplexe und belastende Situation, weil wir die Menschen retten mussten und sich auch meine Leute für die Rettung in Lebensgefahr begaben."

Innerhalb weniger Sekunden hatte sich der Krater unter dem Bus gebildet. Die Arbeiten am Tunnel fanden unter dem Grundwasser statt. Wie sich jedoch später herausstellte, gab es feine Sandrisse in der eigentlich undurchlässigen Mergelschicht, die wie eine Plane unter dem Grundwasser verläuft. Das Wasser lief in den Tunnel, der Kies unter dem Asphalt, auf dem der Bus stand, rutschte nach.

Unter der Straße entstand ein Hohlraum und der Bus brach ein. Der ständig nachrutschende Kies ist auch eine Gefahr für die Taucher, die nach Überlebenden im Wasser, das im Krater steht, suchen. Für drei Menschen kommt die Hilfe zu spät. Eine Frau, ein Student und einer der drei Bauarbeiter ertrinken. Zwei der Leichen werden erst Monate später geborgen, weil die Unfallstelle instabil bleibt.

Rechtsanwalt Michael Scheele vertrat damals die Angehörigen eines der Todesopfer, des 27-jährigen Studenten Kay K. Er erinnert sich an das Gefühl seiner Mandanten, mit dem Geschehen nicht abschließen zu können. "Ich habe hier zum ersten Mal erfahren, was es für Menschen bedeutet, zu wissen, dass sie jemanden verloren haben, ihn aber nicht beerdigen können", sagt Scheele.

Die Frage nach der Verantwortung für das Unglück bleibt unbeantwortet. Drei Ingenieure und zwei Poliere wurden damals angeklagt, das Verfahren wurde jedoch 1999 eingestellt. Das Gericht befand, es sei nicht abschließend zu klären, wer daran Schuld sei, dass sich in Trudering die Erde auftat.

© SZ vom 20.09.2014/amm

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