Waldkraiburg:Ein Islamist, ein kranker

Waldkraiburg: Wie leicht sich manche psychisch labile Menschen instrumentalisieren lassen.

Von Annette Ramelsberger

Die Anschlagsserie von Waldkraiburg hat im vergangenen Jahr schlimmste Befürchtungen geweckt: Wollten hier Rechtsextremisten ihren Hass gegen türkischstämmige Geschäftsleute ausleben? War die Fortsetzung der schrecklichen Anschläge von Mölln und Solingen geplant? Steckte eine Terrorzelle hinter den Taten? Als der Täter dann gefasst wurde, war die Verwirrung groß: der Sohn türkischer Eltern, der einen verdrehten Hass auf den eigenen Herkunftsstaat entwickelt hatte und sich als IS-Kämpfer sah. Man kann das für verquer halten, und bei dem Mann wurde ja auch eine schwere Schizophrenie attestiert.

Ist dadurch alles weniger ernst? Nicht wirklich. Der Angeklagte ist kein armer Verrückter. Er ist nicht so schwer krank, dass er nicht wüsste, dass Brandsätze Menschen töten können. Er hat die Feuer gelegt, weil er seine Ideologie für wichtiger hielt als Menschenleben. Ein Islamist also, aber ein kranker.

Gerade dieser medizinische Befund aber eröffnet den Blick darauf, wie Islamisten mit labilen Menschen umgehen, die Erlösung im Glauben suchen. Der Täter von Waldkraiburg hatte sich an einen bundesweit agierenden Islamisten gewandt, auch an eine salafistisch orientierte Moschee in München. Statt ihn zum Arzt zu schicken, haben sie ihn in seiner Verbohrtheit bestätigt, ihm offenbar das Gefühl gegeben, auf dem richtigen Weg zu sein. Ihre Ideologie war ihnen wichtiger als seine Gesundheit und die Sicherheit der Menschen in seiner Umgebung. Man kann das zynisch nennen.

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