Schleswig-Holstein:SPD-Frau, Muslimin - und bald auch Ministerpräsidentin?

Serpil Midyatli

Serpil Midyatli (SPD), Landesvorsitzende der SPD in Schleswig Holstein.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Die Sozialdemokratin Serpil Midyatli aus Kiel will erste muslimische Ministerpräsidentin eines Bundeslandes werden. Doch muss sie dafür eine schwere Hürde in der Partei nehmen.

Von Peter Burghardt

Wenn es um die SPD in Schleswig-Holstein ging, dann ging es lange Zeit vor allem um Ralf Stegner. Über viele Jahre führte Stegner die Sozialdemokraten zwischen den Meeren an, und als streitbarer Geist war er so oft in Talkshows, dass seine nicht immer auf den allerersten Blick freudvolle Miene ganz Deutschland kennt. Inzwischen ist die bundesweit weniger bekannte Serpil Midyatli seine Nachfolgerin, aber ehe ihre Politkarriere weiter an Fahrt aufnimmt, muss sie einen selbstgewählten Härtetest bestehen.

Die Kieler SPD kürt am Sonntag ihre Direktkandidaten für die Landtagswahl 2022, im Prinzip eine Pflichtübung. Die Landesvorsitzende Midyatli, bisher für den Wahlkreis Eckernförde im Kieler Landeshaus, will sich diesmal für den Wahlkreis Kiel-Ost bewerben, sie kommt aus der Gegend. Da trifft sie allerdings auf einen gut vernetzten Rivalen, eine Kampfabstimmung steht an. Wenn sie verliere, dann werde sie nicht für den Landtag antreten, bestätigt die Kandidatin am Telefon: "Man braucht den Rückhalt vor Ort. Das erdet mich auch."

Sie könnte sich über die Landesliste absichern, doch sie wählt das Risiko. Besteht sie den Showdown wie erwartet, dann fordert sie wohl bei den Wahlen in Schleswig-Holstein Anfang Mai den Ministerpräsidenten Daniel Günther von der CDU heraus. Ganz theoretisch könnte Serpil Midyatli, geboren 1975 in Kiel, sogar die erste deutsche Landeschefin islamischen Glaubens werden.

Gewinnt sie das lokale Duell in ihrer Partei dagegen nicht, dann hätte die SPD im Norden ein Problem mit der Spitzenkandidatur fürs kommende Jahr. Typisch SPD? Typisch Serpil Midyatli, die Hindernissen nicht ausweicht?

"Mein gesamtes Leben ist geprägt davon, auf der einen Seite Zuspruch zu erfahren, und selbst zu kämpfen", sagt sie. Frau, Muslimin, zweisprachig aufgewachsen als Tochter türkischer Einwanderer im Kieler Stadtteil Gaarden. Natürlich präge das einen, sagte sie einmal bei einem Gespräch in der Kantine des Kieler Parlaments. Weil man sich immer beweisen müsse. In der Schule saßen die Migrantenkinder hinten.

Mittendrin statt nur dabei

Nach den Jahren am Wirtschaftsgymnasium leitete sie das Familienrestaurant. Später gründete sie mit ihrem Mann einen Service für Kultur und Veranstaltungen und nachher auch Catering. Herkunft und Religion waren immer wieder Thema, obwohl sie vor allem aus dem Glauben kein Gedöns macht, "weil das meine Identität nicht hergibt". Sie geht viel seltener in die Moschee als andere in die Kirche und ist seit 2015 Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes. Sie war aber dabei, als die SPD im Bundestag 2020 zur Islamkonferenz "Muslime in Deutschland - mittendrin statt nur dabei!" lud.

Im Jahr 2000 wurde Serpil Midyatli Genossin, 2009 Landtagsabgeordnete. Die Mutter zweier Kinder ist der SPD dankbar, dass Herkunft und Religion nicht im Wege standen, als sie 2019 von Ralf Stegner den Landesvorsitz übernahm und kürzlich den Fraktionsvorsitz. Sie lacht gerne, wobei auch Stegner seinen Humor hat, er will in den Bundestag. Sie ist nicht so kampferprobt wie er, aber temperamentvoll und durchsetzungsfähig. Sie sei 16 Jahre lang selbständig gewesen, sagte sie 2019, bevor sie Schleswig-Holsteins oberste Sozialdemokratin wurde und Bundes-Vize. Man gehe nicht mit dem niedrigsten Preis in eine Verhandlung.

Familie, Migration, Industrie, das sind einige ihre Themen. Läuft alles nach Plan, dann wird es Serpil Midyatli im kommenden Jahr gegen Regierungschef Günther versuchen. Dessen Jamaika-Koalition knirscht, aber laut Umfragen sind die Grünen auch hier oben stärker als die SPD. Erst mal jedoch muss die Bewerberin Midyatli jetzt die Genossinnen und Genossen am Kieler Ostufer überzeugen, um bei der SPD weiter vorne zu sitzen.

© SZ/jkä
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