Jens Stoltenberg:Von Brüssel zurück nach Oslo

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Jens Stoltenberg: Bis September noch Generalsekretär der Nato: Jens Stoltenberg, 62.

Bis September noch Generalsekretär der Nato: Jens Stoltenberg, 62.

(Foto: Olivier Hoslet/AP)

Der Nato-Generalsekretär wird nach seiner Amtszeit im Dezember der Chef der norwegischen Zentralbank.

Von Kai Strittmatter

Nein, aus dem Staub macht er sich nicht. Auch wenn die Nachricht zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt kommt: Mitten in der Russland-Ukraine-Krise gibt der Nato-Generalsekretär bekannt, dass er sich einen neuen Job gesucht hat - Jens Stoltenberg wird Chef der norwegischen Zentralbank. Allerdings wird er dort erst im Dezember antreten, dann ist seine Amtszeit bei der Nato längst vorüber. Sie endet im September.

Statt vor der Welt über russische Aggression und Europas Freiheit zu parlieren, wird Stoltenberg in Zukunft also den Norwegern die Feinheiten der Leitzinserhöhung erläutern. Was klingt wie der Rückzug eines 62-jährigen Staatsmannes von der Front in warme Amtsstuben, ist in Wahrheit ein Abenteuer: Dem Mann, der sich mit seiner sachlichen und effizienten Art bislang vor allem Freunde gemacht hat, bläst in Oslo gerade scharfer Gegenwind um die Ohren.

Es sind die Umstände seiner Ernennung, die in Norwegen für Aufregung gesorgt haben. Tatsächlich findet man kaum einen, der nicht betont, dass Stoltenberg bestens qualifiziert ist für seine Aufgabe. Er ist Ökonom und versierter Kommunikator, er bringt nicht nur internationales Gewicht und Durchsetzungsvermögen mit, er hat auch volkswirtschaftliche Erfahrung im Gepäck: aus seiner Zeit als Finanzminister und später als Ministerpräsident des Landes von 2000 bis 2001 und von 2005 bis 2013.

Da liegt dann aber auch schon das Problem. Die politische Unabhängigkeit der Zentralbank ist gesetzlich festgeschrieben. Jens Stoltenberg ist seit einem halben Jahrhundert der erste Ex-Politiker, der zum Zentralbankchef gemacht wird. Mehr noch: Er ist ein Sozialdemokrat, der von einer sozialdemokratischen Regierung berufen wird. Tatsächlich war Stoltenberg als Ministerpräsident einst Vorgesetzter des heutigen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre. Vielen roch das Ganze nach Vetternwirtschaft und einem norwegischen "Old Boys Club", vor allem, als dann noch vertrauliche Abendessen mit Ölfonds-Boss Nicolai Tangen bekannt wurden.

Jens Stoltenberg hat sein Leben der Politik gewidmet, seit er sich als 14-Jähriger erstmals in der Jugendorganisation der Arbeiterpartei engagierte. Vor seinem Abgang zur Nato 2014 prägte er Norwegen als Regierungschef wie nur wenige andere - vor allem mit seiner Führerschaft nach dem Massaker an sozialdemokratischen Jugendlichen auf der Insel Utøya im Jahr 2011, bei dem auch Bekannte Stoltenbergs ermordet wurden. Damals drängte er Norwegen zu "mehr Demokratie, mehr Offenheit, aber niemals Naivität".

Jens Stoltenberg selbst bat die Norweger am Freitag, ihm zu vertrauen: Er habe lange Erfahrung darin, "die Grenzen der Integrität nicht zu überschreiten", und stehe ein für die Unabhängigkeit der Zentralbank. Seine Mitgliedschaft bei den Sozialdemokraten werde er nicht aussetzen. Die Regierung braucht die Stimmen im Parlament nicht für Stoltenbergs Ernennung, es ist für das konsensorientierte Norwegen allerdings ungewöhnlich, dass sich eine Mehrheit der Parteien gegen die Entscheidung ausgesprochen hatte. Ein Sprecher der sozialliberalen Partei Venstre nannte die Ernennung "spektakulär" und "unklug".

Andere begrüßten die Wahl, die Kommentatorin der Boulevardzeitung Verdens Gang nannte sie "mutig" und "richtig". Stoltenberg wird in seinem neuen Amt auch die Aufsicht über Norwegens Ölfonds haben - das ist der größte Staatsfonds der Welt, mit einem Vermögen von 1,3 Billionen US-Dollar und Investments überall auf der Erde. Stoltenbergs Verteidiger sagen, er sei genau der Richtige, um den Fonds durch die stürmischen Jahre zu leiten, die sich am Horizont der Weltpolitik abzeichnen. Stoltenberg selbst sagt, er könne es "gar nicht abwarten", sich an die Arbeit zu machen. Bis dahin werden sie bei der Nato noch genug zu tun haben für ihn.

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