Türkei:Austritt aus dem Fortschritt

Ausgerechnet die Türkei verlässt das Abkommen gegen häusliche Gewalt. Es ist nach ihrer bedeutendsten Stadt benannt.

Von Tomas Avenarius

Die Istanbul-Konvention löst das Problem der Männergewalt nicht. Aber die Vereinbarung, die der Europarat vor zehn Jahren auf den Weg gebracht hatte, kann dazu beitragen, Frauen und Mädchen besser zu schützen. Die Konvention schärft nicht nur das Bewusstsein der Bürger für das uralte Phänomen männlicher und häuslicher Gewalt. Sie zwingt die Mitgliedstaaten auch, ihre Gesetze an die Vorgaben des Vertragswerks anzupassen. Die Istanbul-Konvention ist eine zivilisatorische Errungenschaft.

Die Türkei als einer der ersten Beitrittsstaaten hat ihre Mitgliedschaft dennoch beendet, zu diesem 1. Juli. Nachdem die Istanbul-Konvention nach der bedeutendsten türkischen Stadt benannt wurde - damals auch als Anerkennung des Modernisierungswillens des Landes -, ist die Türkei nun der erste Staat, der wieder austritt. Das ist das Gegenteil einer zivilisatorischen Errungenschaft.

Es spielt keine Rolle, ob Präsident Erdoğan den Austritt in Anbiederung an islamistische Wählergruppen vollzieht oder aus Überzeugung: Er schadet der Türkei. Die Proteste türkischer Frauen und die sinkende Zustimmung weiblicher Anhänger und Wähler zu seiner eigenen konservativ-islamischen AKP-Partei machen allerdings Hoffnung, dass selbst ein Politiker wie Erdoğan den Fortschritt nicht dauerhaft rückgängig machen kann.

© SZ/de
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