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Anschlag in Hanau:In allen Grenzen, aber mit aller Kraft

Zu versuchen, die eigenen Vorurteilsstrukturen und verletzenden Gedankenlosigkeiten aufzuspüren: Das hält die Ermordeten von Hanau unvergessen.

(Foto: Michael Probst/AP)

Die Morde vom 19. Februar 2020 sollten alle Migranten im Land einschüchtern. Es ist an der Mehrheitsgesellschaft, dem Einhalt zu gebieten.

Kommentar von Matthias Drobinski

Wer spricht heute noch von Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu? Die beiden jungen Männer waren mit dem Rettungsschiff Cap Anamur nach Hamburg gekommen, sie verbrannten im August 1980, weil drei Neonazis Benzinflaschen in ihr Zimmer warfen. Die Tat gilt als der erste rassistisch motivierte Terrorakt in der Bundesrepublik. Wie viele folgten, weiß niemand, ob dabei hundert oder zweihundert Menschen starben; lange wurden viele Taten gar nicht als rassistisch gewertet.

Die Spur dieser Gewalt zieht sich durch die Geschichte und die Regionen des Landes, von Mölln nach Solingen, über Wolfhagen bei Kassel und Halle bis nach Hanau. Vor einem Jahr, am 19. Februar 2020, erschoss dort ein Hanauer neun Hanauer, weil er sie als fremd und damit lebensunwert definierte: Gökhan Gültekin und Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi und Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun und Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Dann tötete er seine Mutter und sich selbst, alles in der Hoffnung, Aufmerksamkeit zu wecken für seine menschenverachtenden Wahnvorstellungen.

Die Mordtat trifft die gesamte Gesellschaft, hieß es nach dem Attentat; das stimmt und stimmt doch nicht. Es stimmt, weil die Schüsse auf das Lebensrecht jedes Menschen zielten, auf das friedliche Zusammenleben aller, und weil solch bewaffneter Hass einen Hanauer Jungen ebenso treffen kann wie den Kasseler CDU-Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Und es stimmt dann doch wieder nicht. Die Ermordeten in Hanau hießen ja nicht Müller oder Rubenbauer. Der Täter schoss auf sie, weil er sie für Migranten hielt, weil er für sich beschlossen hatte, dass sie hier nicht leben sollen. Er setzte ein Signal für alle Menschen mit dunklen Haaren, dunklerer Hautfarbe, irgendeiner Migrationsgeschichte: Fürchtet euch. Der Täter handelte allein und doch nicht isoliert, gestärkt vom Hass seines Vaters und dem aus den Tiefen des Internets. Das ist die Logik des Terrors; sie wirkt. Das lässt viele Menschen mit Migrationsgeschichte mal angstvoll, mal zornig in Richtung Mehrheitsgesellschaft fragen: Wo seid ihr? Was tut ihr?

Deshalb ist es gut, dass die Antwort von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier zum Jahrestag des Anschlags heißt: Wir sind da, in Hanau. Deshalb ist es gut, dass Parteien, Vereine, Kirchengemeinden, Gewerkschaftsgruppen an diesem 19. Februar der Opfer des Anschlags gedenken. Man mag das für ritualisiert und bemüht halten. Und es ist ja leider eine furchtbare Wahrheit, dass sich Rassismus, Antisemitismus, die verschiedenen Formen gruppenbezogener Menschenfeindschaft nicht durch Demonstrationen oder Pädagogik werden ausrotten lassen, nicht durch Verbote oder Sprachregelungen.

Die Perspektive wandelt sich. Der Anschlag wird nicht mehr als Tat eines Irren abgetan

Aber es braucht die immer wieder neue Antwort der Mehrheit, der Mitte der Gesellschaft: Da sind wir. Und wir tun, was wir können, in allen Grenzen, aber mit aller Kraft. Als vor zehn Jahren die Mordserie des NSU offenbar wurde, offenbarte sich auch in beschämender Weise, dass der Staat, die Polizei, die Medien diese Antwort aus der Mitte schuldig geblieben waren, schlimmer noch: dass sie die Ermordeten verdächtigten und die verzweifelten Stimmen der Angehörigen ignorierten.

Zehn Jahre später hat die Stadt Hanau bewusst die Opfer und ihre Angehörigen in den Mittelpunkt gestellt, ist eine Stadtgesellschaft zusammengerückt, melden sich die Familien der Opfer zu Wort: laut, zornig. Das alles ist kein Idyll, es knirscht in der Umsetzung, es gibt Streit. Aber es zeigt sich auch: Die Perspektive wandelt sich. Der Anschlag wird nicht mehr als Tat eines Irren abgetan, sondern als Terrorakt, der eine klare Antwort des Staates und der Mitte des Landes erfordert: Wir stehen auf der Seite der Erschossenen und der Bedrohten.

Umso deprimierender ist der Umgang der Sicherheitsbehörden mit den Ereignissen der Tatnacht, mit den tatsächlichen und vielleicht auch nur vermeintlichen Fehlern des Einsatzes. Es mussten erst die Angehörigen der Opfer auf die Barrikaden gehen, ehe Hessens Innenminister Peter Beuth zugab, dass vielleicht doch nicht alles optimal gelaufen ist. Wie sollte es auch? Doch der Selbstschutz der Behörden war wichtiger als die Transparenz gegenüber den Angehörigen der Opfer, die wissen wollen, wie ihr Kind starb, selbst wenn sie ahnen, dass es da keine wirkliche Antwort geben kann.

Die Antwort der Mitte auf die Tat von Hanau ist so einfach wie schwer: laut Nein zu sagen, wenn jemand aus einer Herkunft, Haut- oder Haarfarbe ein Oben und Unten konstruieren möchte, im Freundeskreis, im Verein, am Arbeitsplatz. Und, noch schwerer: zu versuchen, die eigenen Vorurteilsstrukturen und verletzenden Gedankenlosigkeiten aufzuspüren. Das hält die Ermordeten von Hanau unvergessen. "Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst" - Ferhat Unvar hat das in einem Gedicht geschrieben, wenige Wochen vor seinem Tod. Es ist ein kluger, wahrer Satz.

© SZ/kia
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