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Gesellschaft in der Krise:Der Corona-Mensch

Coronavirus - Ostern

Trotz Sonnenschein und warmer Temperaturen sind Ausflüge über die Osterfeiertage verboten. Auch die Kirchen, wie hier in Krün bleiben für die Gläubigen geschlossen.

(Foto: dpa)

Es wird Zeit, über mögliche Lockerungen des Ausnahmezustands zu reden. Nein, mehr als nur reden: Für das magische Datum "nach Ostern" muss geplant werden. Jetzt.

Kommentar von Kurt Kister

Der Mensch, sagt man, gewöhne sich an alles. Vielleicht müssten sich die Kontaktbeschränkungen, die in Wirklichkeit Lebensbeschränkungen sind, noch ein paar Monate hinziehen, damit man sich an sie gewöhnen könnte. Beides wird allerdings nicht der Fall sein. Weder kann der momentane Zustand noch deutlich länger so andauern, noch würde man sich in ein paar Wochen schon daran gewöhnt haben. Je länger es anhält, desto weniger erträglich wird es.

Um dies gleich am Anfang festzustellen: Die Einschränkungen sind im Großen und Ganzen richtig und nötig; sie haben mit dazu beigetragen, dass es hierzulande bisher keine Zustände wie in Italien oder Spanien gegeben hat. Auch eine Gesundheitsdiktatur ist nicht in Sicht, obwohl es Unsinn ist, auch virologisch, Menschen vorschreiben zu wollen, alleine Motorrad zu fahren oder keine Bücher auf Parkbänken zu lesen. Außerdem ist das sogenannte Gesundheitssystem in Deutschland bei aller berechtigten Kritik so gut, dass man gerade in so einer Krise kaum irgendwo anders leben möchte, zumal dann, wenn man älter ist. Zu diesem "System" gehört entscheidend die unermüdliche, großartige Arbeit von Schwestern und Pflegern, von Ärztinnen und Forschern.

Trotzdem, der Mensch ist ein soziales Wesen, er lebt in der und durch die Gemeinschaft mit anderen. Liebe, die engste Form von Gemeinschaft, gibt dem Leben Sinn. Und da dies das erste Osterfest seit Menschengedenken ohne gemeinsame Gottesdienste ist, sei darauf hingewiesen: Selbst Gott sucht die Gesellschaft der Menschen, Jesus hatte seine Apostel. In der Osterwoche 2020 hätte er allerdings mit den Jüngern kein Abendmahl halten können. Die Gruppe wäre zu groß gewesen.

Es wird seit Wochen darüber diskutiert, ob es der Gesellschaft zuzumuten sei, dass zugunsten einer langsameren Ausbreitung des Virus große Kaufhäuser und kleine Bäckereien, Fluglinien, Kneipen und Verlage (ja, auch die) um ihre Existenz fürchten müssen. Es geht dabei nicht nur um Firmen, um "die" Wirtschaft, sondern um viele, viele Menschen, die unvermittelt wenn nicht in den Abgrund, so doch in eine Wüstenei blicken. Weil diese keineswegs nur ökonomischen Gefahren mit jeder Woche wachsen, ist es geboten, über die baldige Möglichkeit von Lockerungen des Ausnahmezustands zu reden. Nein, mehr als nur reden: Für das magische Datum "nach Ostern" muss geplant werden. Jetzt. Wenn dazu das Tragen von Masken in Läden und U-Bahnen gehören sollte, dann ist das besser als die unterschiedslose Fortschreibung der unsozialen Vereinzelung.

Kein Missverständnis: Im Vordergrund steht der Schutz von Leben. Das aber heißt nicht, dass mit fortschreitender Zeit immer noch für alle die selben Regeln gelten müssen. Für Pflege- und Altenheime, für Stadien und Säle kann es zum Beispiel andere Beschränkungen geben als für Geschäfte, durchaus auch für größere. Die vergangenen Wochen haben überdies die Erkenntnis gebracht, dass die meisten Menschen vernünftig handeln. Leider sieht man auch in dieser Krise, dass es etliche Entscheidungsträger gibt, diesmal keineswegs nur bei den Grünen, die das Volk ständig erziehen wollen. Das Volk aber denkt selbst.

Gewiss ist der Ruf nach Geduld immer noch angebracht. Aber dieser Ruf darf nicht mit der Aufforderung verbunden werden, erst mal gar nicht über Erleichterungen zu reden, schließlich liege das Schlimmste ja noch vor uns. Es kann, eine beliebte Formulierung in Düsseldorf und in München, zwar um Leben und Tod gehen. Aber man muss trotzdem über das Leben reden und dafür planen. Wer immer nur Blut, Schweiß und Tränen zu offerieren hat, dem kann es außerdem so gehen wie damals Winston Churchill: Der Krieg war gewonnen, er wurde abgewählt, die Sozialdemokraten kamen an die Macht. Na ja, Letzteres wird selbst nach Corona in Deutschland nicht so schnell passieren.

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Nach Corona? Es ist mittlerweile auch ein beliebtes Gesprächsthema geworden, was sich nach Corona alles ändern müsse. Leider ist die Wahrscheinlichkeit nicht so groß, dass die vielerorts gezeigte Solidarität, die unerwartete Freundlichkeit, das gemeinsame Krisengefühl überleben werden. Ein Beispiel: Man denke nur daran, wie mit dem Beschluss der EU umgegangen wird, wenigstens 1600 unbegleitete Flüchtlingskinder aus Griechenland aufzunehmen. Berlin holt 50 von ihnen, Luxemburg zwölf. Das ist die Solidarität, wie man sie vor Corona gekannt hat und wie man sie wahrscheinlich auch danach erleben wird.

Die Welt wird nach Corona, wann immer das sein mag, nicht grundsätzlich besser werden. Aber vielleicht bleibt vielen doch eines in Erinnerung: Es sind die anderen, die einen zum Menschen machen. Das kann, wie in Jean Paul Sartres berühmtem Einakter "Geschlossene Gesellschaft", zu der Erkenntnis führen: Die Hölle sind die anderen. (Übrigens ein durchaus coronares Stück: Drei Menschen werden auf unabsehbare Zeit zusammengesperrt.) Aber selbst der Soziopath braucht den Umgang mit anderen, und sei es nur, um sich zu vergewissern, warum er keine Gesellschaft mag.

Die letzten Wochen haben vielen gezeigt, wie sehr man die Selbstverständlichkeit der zufälligen und der weniger zufälligen Begegnungen vermisst. Jeder und jede weiß, wen man endlich mal wieder sehen möchte: die Eltern oder die Großeltern, die prätentiösen Damen in der Alten Pinakothek, die Buchhändlerin, viele Kolleginnen und Kollegen und sogar manche sympathische Schwätzer in dieser oder jener Konferenz. Und war es nicht seit Jahren an jedem Karfreitag so, dass man die Matthäuspassion in der Philharmonie anhörte, unter tausend anderen Menschen?

Es wird höchste Zeit, dass die Gesellschaft sich diesem Zustand zumindest wieder annähern kann. Der Mensch ist nur Mensch unter Menschen - das ist die wahre Osterbotschaft.

© SZ vom 11.04.2020/hij
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