Afghanistan:Die Verantwortung bleibt

Lesezeit: 1 min

Die Nato-Nationen müssen nun auch für die Folgen des Abzugs geradestehen - und sich gemeinsam um die vielen Flüchtlinge kümmern.

Von Joachim Käppner

"Oh heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd's andere an!" Im Sinne dieses Stoßgebetes an den Schutzpatron der Feuerwehr scheint gerade der deutsche Außenminister Heiko Maas unterwegs zu sein, bei seiner Reise nach Katar, in die Türkei und drei Anrainerstaaten Afghanistans. Ihnen allen will er reiche Hilfe aus Deutschland versprechen, wenn sie möglichst viele Flüchtlinge aus dem Land aufnehmen, das nun in den Händen der islamistischen Taliban ist.

Aber keiner dieser Staaten, auch nicht das reiche Katar, will und kann die erwartete Massenflucht aus Afghanistan bewältigen. Man darf sich nichts vormachen: Dies wird die Aufgabe jener Staaten sein, die zwei Jahrzehnte lang Soldaten und Aufbauhelfer in Afghanistan eingesetzt und den Menschen dort versprochen haben, sie nicht allein zu lassen. Aber genau das ist jetzt geschehen. Es klingt wie Hohn, wenn die Bundesregierung selbst den Tausenden im Land zurückgebliebenen afghanischen Ortskräften, die einst im Dienst der Deutschen standen, nun verspricht, man werde sie nicht vergessen. Die Luftbrücke ist abgebrochen, die Landwege sind lebensgefährlich, viele Grenzen werden geschlossen. Und niemand sollte zu große Hoffnung hegen, dass die Taliban schon mit sich reden lassen werden und jene Helfer des Westens verschonen, denen sie gestern noch blutige Vergeltung geschworen haben.

Auch wenn die größte Verantwortung für das Versagen des Westens bei den USA liegt, können sich Briten, Franzosen und eben auch die Deutschen jetzt nicht verstecken. An den Afghanistan-Einsätzen waren Dutzende Nationen beteiligt, vor allem aber die größten Nato-Staaten. Anders als bei der Aufnahme von fast einer Million Menschen aus dem Irak und Syrien 2015 wäre die Bundesregierung diesmal gut beraten, keinen neuen Alleingang zu wagen. Die Nationen haben den Einsatz gemeinsam geführt, sind gemeinsam gescheitert und sollten nun die Folgen des Debakels gemeinsam tragen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB