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Zum Finale von "The Voice of Germany":Anti-Genre mit Suchtfaktor

"The Voice of Germany" will anders sein als die üblichen Casting-Shows - und hat damit großen Erfolg. Schon vor dem Finale am Freitag gilt eine Fortsetzung als sicher. Aber was macht den Erfolg der Show aus, in dem Juroren wie Nena und Xavier Naidoo nach talentierten Nachwuchskünstlern suchen? Zeit für eine Analyse.

Wenn an diesem Samstagabend eine sonore Männerstimme zum vorerst letzten Mal die Erfolgsshow dieses Winters ankündigt, dann wird es traurig. Nicht nur, weil mit dem Finale auch die erste Staffel von "The Voice of Germany" endet. Auch, weil der unbekannte Ansager jedes Mal aufs Neue den Titel der Sendung mit einem fürchterlich stimmlosen V ankündigt. Aus "The Voice" wird so "The WWWoice" - und den Zuschauer überkommt Gänsehaut.

Die Sendung bewegte die Zuschauer - und sorgte dafür, dass sie immer wieder einschalteten. Bis zu vier Millionen waren abwechselnd auf ProSieben und Sat 1 dabei. Aber was macht das Format so einzigartig?

"The Voice of Germany" ist anders. Authentisch. Respektvoll. Spannend. Und genau deshalb so unterhaltsam.

Es komme allein auf die Stimme an, behaupteten Macher, Coaches und Kandidaten erfolgversprechend schon vor der ersten Sendung. Aussehen? Zweitrangig. Aber schon in den so schön auf Neudeutsch eingeführten Blind Auditions - was eigentlich nur bedeutet, dass die Jury mit dem Rücken zu den Kandidaten sitzt - entfaltete die Show ihren Charme.

Es war tatsächlich spannend mitanzusehen, wenn Nena ihre Hand über dem Buzzer zucken ließ, wenn Xavier Naidoo in letzter Sekunde auf den roten Knopf schlug oder keiner der Coaches bis zum letzten Ton eine Regung zeigte - und man sich ertappte, zu denken: Jetzt hau' schon drauf!

Aber von manchen Stimmen blieben sie einfach unbeeindruckt. Für die von Trash-TV verstörten Seelen wirkte es sehr heilsam, als ein ehemaliger Soap-Darsteller, zugegebenermaßen sehr gutaussehend, prompt von dannen ziehen musste. Verkehrte Welt? Nein, einfach eine neue Art von Casting-Show.

Aschenputtel-Mythos in seriöserer Form

"John de Mol hat begriffen, dass sich die Pöbel-Sendungen mit ihren berechenbaren Einspielern, den vorproduzierten Attacken, dem immer gleichen Personal aus Strebern, Schrägen und Gescheiterten einfach überlebt haben", erklärt Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und ordnet die Sendung damit dem "Anti-Genre" zu.

De Mol verkaufe den Aschenputtel-Mythos des plötzlichen Aufstiegs in seriöserer Form und setze auf die direkte Identifikation des Publikums mit den Kandidaten, so der Autor des Buches "Die Casting-Gesellschaft".

Hört sich nicht unbedingt neu an - und doch: Casting-Shows waren bisher geprägt von Fremdschämen, Kopfschütteln und Lachattacken vorm Fernseher. Je eigentümlicher die Typen, je peinlicher der Auftritt, desto höher die Quote und desto erfolgreicher die Show.

Eine Truppe junger Fernsehmacher verarbeitete diesen Stoff jüngst zu einer herrlich bissigen Satire - und wurde prompt für den Grimme-Preis nominiert.

"The Voice of Germany", laut Focus die "Waldorf-Schule unter den Casting-Shows", setzt da andere Akzente. "Es ging nie darum, wie jemand herumhampelt, es wird niemand verarscht, niemand vorgeführt und niemand gefragt, was er da eigentlich will", erklärten die Coaches The Boss Hoss jüngst in einem Interview den Erfolg der Show, die bereits in 30 Ländern läuft.

Womit wir auch schon bei den Kandidaten wären: Hier setzt das Format erfreulicherweise hohe Maßstäbe. Auf pubertierende Möchtegern-Britney-Spears wartet man vergeblich. Vielmehr stehen hier durchaus ernstzunehmende Musiker auf der Bühne. "Wir haben Künstler, die mit den Coaches auf Augenhöhe agieren", pries Moderator Stefan Gödde die Kandidaten. Damit hat der Showmaster zweifellos recht, wenngleich an dieser Stelle gesagt werden muss, dass gerade der weichgewaschene Gastgeber der Sendung in dem Show-Format regelmäßig untergeht.

Lob für ausgeschiedene Kandidaten

Und tatsächlich treffen hier auch mal alte Bekannte aufeinander: Verdutzt stellte Xavier Naidoo nach dem Auftritt von US-Songwriter Butch Williams fest, dass er mit dieser Stimme ja schon zusammen gearbeitet hat. War es Zufall, dass sein alter Bekannter als Kandidat antrat? Mag sein. Aber selbst, wenn nicht: Am Ende zählt der Unterhaltungswert. Und der ist aufgrund des musikalischen Niveaus sehr hoch.

Castingshow 'The Voice of Germany'

Die "Waldorf-Schule unter den Casting-Shows": Die Kandidatinnen Sharron Levy (links) und Kim Sanders (rechts) posieren nach ihrem Auftritt bei "The Voice of Germany" mit der Jurorin Nena (Mitte). 

(Foto: dapd)

Aber im Fernsehen zählt nun mal auch die Optik - und wenn schon die Jury die Kandidaten anfangs nicht sahen, die Zuschauer konnten sie durchaus wahrnehmen. Man muss zugeben: Viele entsprachen keinen Schönheitsidealen, wirkten unscheinbar oder gar schrullig. Aber sie wurden ernstgenommen - aufgrund ihres musikalischen Könnens.

Natürlich kullern auch bei "The Voice" schon mal kameratauglich die Tränen. Aber eben nicht in derart hohem Maß, wie wir es bislang gewohnt waren. Auch auf die künstlich ausgedehnten Jury-Verkündungen à la "Germany's Next Topmodel", in die gleich mehrere Werbespots gepresst werden, verzichtet "The Voice". Vielmehr hörte man offenes Lob, sogar für ausgeschiedene Kandidaten.

Xavier Naidoo etwa beschied Mic Donet, sein noch unveröffentlichtes Album sei "Grammy-würdig". Wo gibt's denn sowas? Und Nena herzt ihren Schützling Kim Sanders so sehr, dass beide auf den Bühnenboden fallen. Auch wenn all das Teil einer ausgetüftelten PR-Strategie sein mag: Warum nicht mal schöne Gefühle zeigen? Als Zuschauer freut man sich mit den Kandidaten - und die Taktik geht auf.

Auch was die Coaches betrifft: Gewöhnlich finden sich hinter dem Jury-Pult von Casting-Shows solche C- bis F-Promis, die seit kürzerer oder längerer Zeit in Vergessenheit geraten sind und sich dringend wieder ins Gespräch bringen wollen. Welche Qualifikation brachte noch mal Sylvie van der Vaart für den Platz in der DSDS-Jury mit? Richtig: Fußballer-Ehefrau. Die Coaches bei "The Voice" hingegen sind wahrhaft qualifiziert, weil sie alle eines sind: Musiker. Und damit das, was sie befähigt, die Kandidaten anzuleiten.

Außerdem - und das ist in der TV-Trash-Welt nicht zu vergessen - sind es Künstler, von deren Privatleben man kaum in den Klatschspalten liest und von denen man aus diesem Grund auch nicht erwartet hätte, dass sie in einer Casting-Jury sitzen.

Aber Rea Garvey, Nena, The Boss Hoss und Xavier Naidoo haben augenscheinlich Interesse daran, mit jungen Talenten zu arbeiten. Und das nimmt man ihnen auch ab. "Bei Dieter Bohlen würden wir nicht sitzen", bekräftigten The Boss Hoss ihren Anspruch in einem Interview.

Neue Staffel schon im Herbst

Geht es hier also um konstruktive Kritik anstatt des niederträchtigen Bashings, das die Zuschauer inzwischen leid sind? Als "weiche Welle der Casting-Shows" tituliert Professor Pörksen Sendungen wie "The Voice of Germany", in denen es zunehmend menschelt und die ihren Erfolg Pörksen zufolge den vorangehenden "harten Rambo-Formaten" verdanken.

Statt unverhohlen mit gemeinen Worten unter der Gürtellinie um sich zu schlagen, vermitteln die Coaches hier überzeugend ihr Anliegen, mit den Kandidaten arbeiten und sie fördern zu wollen. "Man arbeitet hier daran, Leistung, Kompetenz und das Versprechen der Prominenz wieder in eine gesündere Balance zu bringen", konstatiert Professor Pörksen.

Keine schlechte Idee in Zeiten, in denen eine Krise der nächsten folgt - und man ruhig ein paar Erfolgsgeschichten vertragen kann. Dass es die Menschen gut mit einem - sprich: den Kandidaten - meinen. Wie viele dieses Bedürfnis regelmäßig bei "The Voice" befriedigen wollen, belegen die Quoten, die im Schnitt 25,3 Prozent der werberelevanten Zielgruppe erreichten und womit die Sendung auch Casting-Shows wie "Das Supertalent" knapp überholte.

Kein Wunder also, dass die Macher bereits eine zweite Staffel geplant haben. Schon im Herbst sollen die neuen Folgen anlaufen. Aber bitte, liebe Verantwortliche von "The Voice": Korrigiert bis dahin das stimmlose V eures Ansagers! Dann freuen wir uns auch ohne Einschränkung auf die Fortsetzung.

© sueddeutsche.de/pak

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