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"You Don't Know Jack" im deutschen Fernsehen:Engel der Gnade

Der beste Al Pacino seit langem: In dem amerikanischen Fernsehfilm "You Don't Know Jack" verkörpert der ewige Gangsterkönig den Arzt Jack Kevorkian, der als erster Mediziner in den USA Sterbehilfe leistete. Der Film über Autonomie und Freiheit, der in den USA viel Lob bekam, ist nun erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen.

Der Tod als Befreiung: Erst vor wenigen Tagen tauchte das Thema Sterbehilfe in den deutschen Nachrichten auf, als der prominente frühere Fußballer Timo Konietzka diesen Weg in der Schweiz wählte, um dem Leid seiner Krebserkrankung zu entkommen.

Assisted suicide advocate Jack Kevorkian poses with actor Al Pacino during film premiere in New York

Al Pacino (rechts) mit Jack Kevorkian: In dem amerikanischen Fernsehfilm "You don't know Jack" kommen sich der Schauspieler und der Arzt physiognomisch sehr nahe.

(Foto: REUTERS)

In den USA stand Jack Kevorkian für die Sterbehilfe. Der Arzt half Sterbewilligen seit den 1980ern als erster amerikanischer Mediziner in über 100 Fällen. Die konservative Rechte beschuldigte ihn deswegen mehrfach des Mordes. Immer wurde er freigesprochen, immer handelte es sich, juristisch betrachtet, um Selbstmord.

Sein Tun brachte ihn bis aufs Cover des Time Magazin. "Ist er ein Engel der Gnade oder ein Mörder?" stand 1993 auf dem Titel. Dr. Death, wie ihn die amerikanischen Medien tauften, wurde zur Symbolfigur der gesamten Debatte in den USA. Ganz gleich wie emotional diese in Amerika geführt wird, der kinderlose und zunehmend isolierte Kevorkian verfolgte stur seine Absichten. Soweit, dass er irgendwann einem Patienten selbst das Gift spritzt, weil dieser dazu körperlich nicht mehr in der Lage ist.

Barry Levinson (Rain Man) hat 2010 mit You Don't Know Jack das Schaffen des 2011 verstorbenen Überzeugungstäters für das amerikanische Fernsehen verfilmt. Am Freitag ist der Film erstmalig in Deutschland zu sehen, auf dem Pay-TV-Sender TNT Film.

Al Pacino spielt diesen Arzt mit faszinierender Unermüdlichkeit. Mit ausgebleichten Haaren, dicker Brille und Fischerhut kommt er dem echten Kevorkian physiognomisch sehr nah.

Seinen Kopf hat er zwischen seine Schultern geklemmt, die er in schlurfendem Gang durch die Gegend schleppt. Ein kultivierter Asket ist dieser Dr. Kevorkian. Einmal erhält er eine gute Nachricht. "Das müssen wir feiern", ruft er dem Überbringer der frohen Kunde zu, und fügt freudig an: "Willst du ein Wasser?!"

Pacinos Stimme ist immer etwas zu laut, in diesen 134 Minuten. Sie zittert tattrig, und doch sind seine Worte Wirkungstreffer. Es ist schlicht der beste Al Pacino seit langem, dafür mit Emmy und Golden Globe bedacht, der da in vielzähligen Interviews und Anhörungen redegewandt für seine Sache eintritt.

Dabei werden die politischen Zusammenhänge des Themas Sterbehilfe fast beiläufig behandelt. In einem lakonischen Erzähltempo wird die Diskussion als dogmatisch skizziert. Der Film schenkt der inhaltlichen Debatte nur das Nötigste an Aufmerksamkeit. Er beschäftigt sich mit seinen Vertretern, nicht damit was sie vertreten.

Susan Sarandon oder John Goodman spielen diese Verfechter. Schauspieler also, deren Karriere das Bergfest schon gefeiert hat. Auch bei Regisseur Barry Levinson, der zuletzt viel fürs US-Fernsehen gearbeitet hat, glaubte man, er habe seine guten Filme alle schon gedreht.

You Don't Know Jack atmet den Geist des Wiederaufstehens, ist ein Film über das Weitermachen: Tod als eine letzte Möglichkeit der Autonomie, Selbstmord als ein letzter humanistischen Akt.

Die streng amerikanische Sicht auf dieses komplexe Thema beherrscht den Film: Alles versammelt sich um den Begriff der Freiheit, den jede Partei für sich zu definieren versucht. Die einzig zur Sterbehilfe gestellte Frage ist, ob man Freiheit als Möglichkeit begreift, seinem Leben ein selbst gewähltes, als würdevoll empfundenes Ende zu setzen. Oder ob Freiheit dem Leben inhärent ist, und diese nur in seinen gottgegebenen Grenzen zu erreichen ist.

Manch Kranker wählt dabei den ärztlich unterstützten Selbstmord. Kevorkian selbst sagt an einer Stelle, er tue dies "für sich selbst". Weil er diese Wahl möchte, wenn er "einmal in eine solche Situation geraten sollte."

Als Kevorkian einmal vor das Gericht zitiert wurde, schleifte er eine Eisenkugel hinter sich her. Sein Haupt zierte eine weiße Perücke. Hände und Hals zwängte er durch einen mittelalterlichen Pranger. Auf diese Weise verschaffte er sich und anderen Gehör.

YOU DON'T KNOW JACK - EIN LEBEN FÜR DEN TOD , 20.15 Uhr, TNT Film