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Suchmaschinen-Konzern:Yandex - in der Türkei nicht mehr zu finden

Bilder des Tages MOSCOW RUSSIA APRIL 11 2018 An aerial view of a parking space for Yandex Taxi

Yandex betreibt auch Taxis - hier in Moskau zu sehen. Bekannt ist das Unternehmen aber vor allem für seine Suchmaschine.

(Foto: Sergei Bobylev/imago)

Das "russische Google" zieht sich aus dem Land zurück. Es reagiert offenbar auf neue türkische Gesetze, mit denen laut Kritikern Regierungsgegner im Netz kontrolliert werden sollen.

Von Tomas Avenarius

Der russische Internet-Anbieter Yandex zieht sich offenbar aus der Türkei zurück. Wie die türkische Wirtschafts-Site Marketing Türkiye berichtet, wird der Digitalgigant, der als russische Antwort auf Google gilt, seine Niederlassung in Istanbul schließen. Eine offizielle Bestätigung von Yandex steht bisher noch aus. Türkische Medien berichteten aber, das Unternehmen werde sein Büro zum 1. Oktober schließen, Mitarbeiter entlassen und die Geschäfte in der Türkei von Russland aus wahrnehmen.

Die russische Firma dürfte damit auf die neue türkische Digitalgesetzgebung reagieren, die im Herbst in Kraft treten und die Anbieter digitaler Dienste zwingen soll, die Nutzung von Internetplattformen weit stärker als bisher zu kontrollieren. Nach dem neuen Gesetz sollen Plattformen, die mehr als eine Million Nutzer im Land haben, sich mit einer eigenen Niederlassung registrieren müssen. Sie unterliegen damit türkischem Recht und sind haftbar. Gleichzeitig sollen sie gezwungen werden, die Identitäten ihrer Nutzer zu registrieren. Außerdem sollen Plattform-Betreiber gezwungen werden, als unwahr oder beleidigend eingestufte Postings zu löschen.

Das russisch-niederländische Unternehmen Yandex ist dank seiner Suchmaschine mit einem Marktanteil von mehr als 60 Prozent führend in Russland. Ähnlich wie bei Google werden zahlreiche zusätzliche Dienste wie Email, Cloud, Navigation, Übersetzung, ein Yandex-Browser und Internet-Werbung angeboten. Weltweit ist Yandex inzwischen die fünfgrößte Suchmaschine. In der Türkei hat sie einen Marktanteil von 12,8 Prozent, Google bleibt mit 84 Prozent auch dort Marktführer. Yandex war in der Türkei vor allem im E-Handel aktiv und bekannt für seinen Übersetzungsdienst.

In der Türkei spielen soziale Medien - vor allem Twitter - eine enorme Rolle als Plattform jeder Art von Opposition. Wie in anderen Staaten wird die Öffentlichkeit aber auch von allen Seiten durch Trolle und Fake News manipuliert. Kritiker sehen in dem Gesetz den Versuch der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die seit dem Putschversuch von 2016 stark eingeschränkte Meinungsfreiheit endgültig zu strangulieren. Vor allem junge Türken informieren sich mithilfe sozialer Medien fast nur noch über das Netz. Die Türkei liegt bei der Nutzung von Twitter weltweit an sechster Stelle; die Plattform hat 400 Millionen User-Konten im Land.

© SZ/tyc
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