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WAZ-Gruppe:Kapital aus der "Kronen"-Zeitung

Vor ein paar Wochen kam es dann zu der Situation, die unvorstellbar schien. Petra Grotkamp, eine der Funke-Töchter, erklärte, sie wolle den Brost-Anteil übernehmen - das Geschäft soll 470 Millionen Euro kosten. Hätten das die alten Brosts gewollt? Eine späte Rache des Jungen? Eher ein Lehrstück für Erbrechtsseminare: Weder Martin Brost noch die Kinder haben zum Erfolg der WAZ beigetragen und sind steinreich geworden oder sollen es werden, weil sie Nachkommen sind. Da soll noch einer über Abfindungen an Manager wettern.

Überrascht von alledem wurde der Testamentsvollstrecker und Sozialdemokrat Heinemann, der zehn Jahre lang auch Landtagsabgeordneter der SPD war. Heinemann muss also den Geist der alten Brosts bedenken, aber vor allem das Wohl der Kinder im Blick haben - und das ist eine schwer zu lösende Aufgabe.

Das Angebot von Petra Grotkamp ist ernst zu nehmen. Ihr Mann Günther, mit dem sie seit 1986 verheiratet ist, war viele Jahre als Geschäftsführer der strategische Kopf des Unternehmens - er kennt zumindest die alte WAZ besser als jeder andere. Wäre kein anderer Bieter gekommen, hätte Peter Heinemann zum Wohl der Kinder dem Verkauf an eine Funke-Tochter wohl bald seinen Segen erteilt.

Seit voriger Woche ist aber die Springer-Offerte auf dem Markt. Die ist in Teilen nicht ganz seriös und in anderen Teilen durchaus ernst zu nehmen. Vorstandschef Mathias Döpfner bietet für den gesamten WAZ-Konzern 1,4 Milliarden Euro. Die Summe ist nur eine Zahl, weil kein Kartellamt den Verkauf der Zeitungen im Ruhrgebiet (WAZ, NRZ, Westfälische Rundschau, Westfalenpost) an den Springer-Konzern je genehmigen würde.

Deshalb bietet Döpfner für die übrigen Filets der WAZ-Holding wie die Beteiligung an der Krone in Österreich, Publikumszeitschriften, Frauenmagazine und diverse andere Blätter oder Online-Unternehmungen insgesamt 800 Millionen Euro. Es gilt als sicher, dass Springer aus der Marke Krone, deren 50-Prozent-Beteiligung er mit schlappen 200 Millionen Euro bewertet, viel Kapital schlagen könnte. Unterm Strich würde die Springer-Offerte den Kindern vierhundert Millionen Euro bringen. Siebzig Millionen weniger als sie von Grotkamp bekämen.

Aber ihnen bliebe dann das wegen des Kartellamtes nicht an Springer verkäufliche Zeitungspaket mit den vier Revierblättern, das insgesamt einen Wert zwischen 300 bis 500 Millionen Euro haben könnte. Macht für die Kinder weitere 150 bis 250 Millionen Euro, theoretisch natürlich. Unterm Strich also, in der Theorie, 550 bis 650 Millionen Euro.

Petra Grotkamp und ein weiterer Funke-Gesellschafter haben gleich klargemacht, dass sie auf keinen Fall an Springer verkaufen wollen. Ganz strikt haben sie das Angebot, das auch ihnen galt, abgelehnt. Damit ist der Fall aber nicht erledigt. Der Testamentsvollstrecker Heinemann muss das Nein zwar sehr ernst nehmen, aber im Sinn der jungen Erben muss er auch versuchen, den besten Preis herauszuholen und den Markt im Blick behalten. Eine Testamentsvollstreckung kann dauern und manche Haken sind nicht sofort zu erkennen.

© SZ vom 04.10.2011/cag
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