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Video-Aktion #allesdichtmachen:Seltsame Beziehungen

Internetaktion #allesdichtmachen

Eine Collage aus Video-Standbildern der Internetaktion #allesdichtmachen via Youtube. Sie zeigt Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich daran beteiligt haben.

(Foto: dpa)

Neue Recherchen zu der Video-Aktion #allesdichtmachen suchen nach Verbindungen ins Querdenker-Milieu - und erkunden, welche Rolle die Zugkraft einiger Promis spielte.

Von Aurelie von Blazekovic

Wer genug hat von dem Ärger um #allesdichtmachen, den muss man an dieser Stelle enttäuschen: Die Sache ist leider noch nicht erledigt. Stück für Stück kommt Neues heraus über die Hintergründe der Video-Aktion mit ursprünglich mal mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspielern. Eine Aktion, über die an manchen Stellen so erbittert gestritten wird und so ohne Aussicht auf neue Erkenntnisse, dass das Ganze einen Grund mehr liefert für die Sehnsucht nach einer Zeit ohne Corona.

Doch tatsächlich steckt hinter #allesdichtmachen auch eine interessante Geschichte über die Film- und Medienbranche und wie sie vernetzt ist. Kurz noch zu den Positionen: Für die einen war die Aktion empörend, weil menschenverachtend, für die anderen holte sie die Grundsatzkritik an den Corona-Maßnahmen endlich in die Mitte der Medienöffentlichkeit. Die Irgendwo-dazwischen-Position, eine, die mittlerweile auch der verbliebene Verteidiger Jan Josef Liefers einnimmt, geht in etwa so: Die Ironie der Videos mag nicht das richtige Mittel gewesen sein und muss nicht jedem gefallen, doch die in den Videos geäußerte Kritik ist zumindest punktuell berechtigt und ganz im Sinne der Meinungsfreiheit. Und dass dann - leider, leider - auch Rechte und Corona-Leugner jubelten, dafür könne man ja nun wirklich nichts.

Von Ahnungslosigkeit dürfte zumindest bei einigen der Mitwirkenden keine Rede sein

Doch die Hintergründe sind, das zeigt sich mittlerweile, nicht ganz so harmlos. Von Ahnungslosigkeit dürfte zumindest bei einigen der Mitwirkenden keine Rede sein. Der Tagesspiegel hat gemeinsam mit dem zivilgesellschaftlichen Rechercheteam "Antischwurbler" nach den Verbindungen der Aktion in das Querdenker-Milieu geforscht. "#allesdichtmachen kam nicht aus heiterem Himmel," heißt es in dem Artikel. Als "ominöser Drahtzieher" aus dem Umfeld von Querdenkern wird der Notarzt, Unternehmer und Autor Paul Brandenburg ins Spiel gebracht.

Brandenburg ist Mitgründer einer Initiative für "Grund- und Freiheitsrechte", die sich im Frühjahr 2020 im Protest gegen die Corona-Maßnahmen gründete. Zu Hunderten Unterstützern gehören laut Tagesspiegel auch der Schauspieler Volker Bruch (Babylon Berlin) und Regisseur Dietrich Brüggemann. Beide waren allem Anschein nach auch maßgeblich an der Entstehung von #allesdichtmachen beteiligt. Auf wessen Bestreben die Aktion genau ins Rollen kam, bleibt aber unklar. "Wir haben entschieden, möglichst wenig über die Initiatoren der Aktion preiszugeben, um jeden Einzelnen zu schützen," schreibt der Regisseur Brüggemann auf seinem eigenen Blog.

Der Tagesspiegel sieht in Brandenburg nicht nur eine Figur im Hintergrund von #allesdichtmachen, sondern wirft ihm gleichzeitig Nähe zu neurechten und antidemokratischen Positionen vor. Auf Anfrage der SZ bestreitet Brandenburg am Sonntag beides auf seiner Webseite. An #allesdichtmachten sei er "leider gar nicht" beteiligt gewesen, auch wenn er "durch persönliche Bekanntschaft früher als die Öffentlichkeit von der Aktion" erfuhr. Außerdem habe er keine Nähe zu "undemokratischen und potentiell aggressiven Ideologien und Gruppen", doch "unbeschadet dessen", fährt Brandenburg fort, teile er "nicht die Einschätzung, dass die Mitglieder oder Unterstützer der 'Querdenken'-Gruppen mehrheitlich und grundsätzlich als undemokratisch, extremistisch, aggressiv oder aus vergleichbaren Gründen aus unserem gesellschaftlichen Diskurs auszuschließen sind". Nach seiner Darstellung gehört Brandenburg keiner Querdenker-Gruppierung an, aber er "teile die Sorge" dieser Menschen.

"Ich habe nichts zu verbergen", schrieb Brüggemann vor einigen Tagen auf seinem Blog

Brandenburg ist mit Dietrich Brüggemann bekannt, dem Regisseur der Videos. "Ich habe nichts zu verbergen", schrieb Brüggemann schon vor einigen Tagen dazu auf seinem Blog. Brandenburg halte er "für einen integren Mediziner und Staatsbürger".

"In der bisherigen Berichterstattung war Corona-Protest ja immer eine Sache von Spinnern," so Brüggemann weiter, "aber das stimmt eben nicht. Es ist ein Anliegen, das in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft gehört." Wie bürgerlich der Protest einiger Akteure von #allesdichtmachen tatsächlich ist, kann man nun freilich anzweifeln. Der Spiegel zitiert einen Punksong von Brüggemann aus dem vergangenen Jahr, in dem eine anonyme Computerstimme spricht: "Steckt euch euren Polizeistaat in den Arsch. Steckt euch eure Maskenpflicht in den Arsch. Steckt euch eure Abstandsregeln in den Arsch." Dazu schreibt Brüggemann, er habe den Song vorübergehend entfernt, könne ihn aber durchaus vertreten und werde ihn irgendwann wieder einstellen, "wenn wir alle etwas friedlicher auf diese Zeit zurückschauen können".

Der Weg bis dahin dürfte lang sein, denn in der Filmbranche sind die Verwerfungen derzeit groß. So kam nun auch heraus, dass der Schauspieler Volker Bruch schon am Set von Babylon Berlin für Ärger sorgte, weil er sich dort von der Maskenpflicht befreien ließ. Mit dem Promi-Faktor einiger der Beteiligten erklärt der Spiegel, wieso dennoch so viele Schauspieler bei der Aktion mitmachten, teilweise entgegen dringenden Empfehlungen ihrer Agenten: "Liefers, der große TV-Star, Brüggemann, Gewinner des Silbernen Bären, dazu wohl Volker Bruch, der Serienheld von Babylon Berlin - die mutmaßlich treibenden Kräfte von #allesdichtmachen haben Strahlkraft."

Besonders interessant ist dabei eine strahlende Figur, von der es letztendlich kein Video gab: Moritz Bleibtreu. Laut Tagesspiegel "verdichten sich die Hinweise", dass auch er zu einem frühen Zeitpunkt eingebunden gewesen sei und einige Kollegen zum Mitwirken bewegt haben soll - die dann bedröppelt waren, als er sein Video kurz vor knapp zurückgezogen habe. "Ich wurde für die Aktion angefragt und stand eine Zeit lang mit mehreren Kollegen dazu im Dialog," sagte der Schauspieler dem Tagesspiegel, schlussendlich habe er sich dazu entschlossen, die Sache nicht zu unterstützen.

Ihn betrübe die Situation sehr, sagte Bleibtreu, "und ich würde mir ein friedlicheres Miteinander wünschen". So viel steht fest, da ist er ganz sicher nicht alleine.

© SZ
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