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Verena Altenberger im Porträt:Mit Vollgas

Titel: Polizeiruf 110: Der Ort, von dem die Wolken kommen Untertitel: Szenenfoto

"Ehrlich mit der eigenen Verletzlichkeit": Verena Altenberger als Elisabeth Eyckhoff in "Der Ort, von dem die Wolken kommen".

(Foto: Hendrik Heiden)

Verena Altenberger ermittelt seit zwei Jahren als Polizeioberkommissarin Eyckhoff im Münchner "Polizeiruf 110". Ein Spaziergang am Tatort.

Von Claudia Tieschky

Verena Altenberger schlendert nicht beim Spazierengehen, sondern geht wie ein Mensch, der ein Ziel hat. Sie hat feste Schuhe an und spricht auch dann unvermindert weiter, wenn es steil den Hang hinaufgeht. Beim Reden im Aufwärtsstürmen wirkt sie richtig glücklich. Es ist einer dieser üblich gewordenen Corona-Spaziergänge. Man hat den rauschenden Mühlbach in der Münchner Au überquert, am Weg direkt daneben liegt ein mit Graffiti bemaltes kleines Betongebäude, derzeitige Nutzung unklar, Miniturnhalle vielleicht, für eine Jugend, die hier jedenfalls gerade nicht ist. Im zweiten Münchner Polizeiruf 110, in dem die 33-jährige Altenberger die Polizistin Elisabeth Eyckhoff spielt, war in dem Haus am Bach das Quartier der mobilen Bereitschaft untergebracht, die so etwas wie das letzte Aufgebot des Ordnungsapparats darstellte. Lauter Strizzis mit Geldproblemen, diese Beamten, die nebenbei ihre Dinger drehen, weil es sonst nicht reicht.

Natürlich ist man versucht, Verena Altenbergers Art zu gehen zu erklären mit ihrem Leben vor der Zeit am Ensemble Junge Burg des Wiener Burgtheaters oder am Wiener Volkstheater, vor der Rolle als heroinsüchtige Mutter in dem preisgekrönten Drama Die beste aller Welten, vor den drei Comedy-Staffeln als polnische Pflegekraft in Magda macht das schon, vor der beunruhigend untergründigen Hauptrolle in der Survival-Serie Wild Republic. Vor der Rolle als Buhlschaft, in der sie ab Mitte Juli bei den Salzburger Festspielen zu sehen ist.

Davor, das war: Jugend auf einem Bauernhof im Salzburger Land, die Mutter ist Direktorin einer Landwirtschaftsschule, der Vater bei der Bank, in der Familie besteigt man gern Berggipfel. "Meine Jugendjahre habe ich also mit Kühen, Schweinen, Schafen, Pferden und Bienen verbracht", so hat sie es beschrieben, und wahnsinnig viele Sportarten beherrscht sie auch.

Zügig geht es inzwischen durch einen kleinen Park am Nockherberg, als sie sagt, dass es für sie nach der Entscheidung, Schauspielerin zu werden, keineswegs einfach war. "Ich war so fremd und ich habe oft auf die Fresse bekommen." Die Kunstwelt habe ihr gezeigt, du gehörst hier nicht hin. "Gerade Theater ist ein wahnsinnig elitärer Betrieb. Da lassen sie es einen schon spüren: Du bist eine Bauerstochter, junge Frau, du bist hier nicht Hochkultur."

Wie macht man weiter, wenn das ganze Team tot ist?

Und was man von der Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff nach zwei Folgen wusste? So gut wie nichts. Nur dass sie bei jedem Menschen, der in Not ist, die Ungerechtigkeit hinter dieser Not anspringt. Dass sie weicher und wärmer als hochdeutsch spricht, und immer so geerdet dasteht, als könnte ihr nichts passieren. Dass es dabei trotzdem in ihr brodelt, so sehr, dass sie vor Wut heult. Man erinnert sich, dass sie gelegentlich eine Metallbrille aufsetzt, den Überblick behält oder das Kommando übernimmt. Meistens aber kämpft sie, rennt gegen Widerstände an. Einmal schlägt sie ihren Kopf an den Kopf ihres Chefs. Einmal steigt sie ungeplant zu einem jungen Sonderermittler in die Dusche, sie sieht klein aus neben ihm, er erweist sich als Schnösel und sagt: "Du wirst mich vermissen." Sie darauf: "Ja und? Das geht ja auch vorbei." Es sind zwei riskante, wunderbare Polizeirufe.

Der dritte, der an diesem Sonntag laufen wird, ist im Vergleich dazu eher normales Fernsehen. "Sie war sehr auf Vollgas in den ersten beiden Fällen", sagt Altenberger und meint Eyckhoff. Und nach der zweiten Folge war außerdem auch nicht mehr so viel übrig, woran man anknüpfen konnte. Regisseur Dominik Graf hatte ordentlich geholzt, die meisten aus dem Team waren tot. Am 2. Juli hat der vierte Fall "Bis Mitternacht" auf dem Münchner Filmfest Premiere, und dass Graf wieder Regie führte, deutet nicht unbedingt auf ein Vom-Gas-Gehen hin.

Wenn das ganze Team tot ist, wie macht man dann weiter? "Mit einem neuen Team", sagt Verena Altenberger und lacht. "Ich finde es ganz gut, dass wir uns auch die Freiheit nehmen." Und es stimmt ja, der ganze Münchner Polizeiruf wirkt wie ein fliegender Zirkus, der sich an neuen Orten mit anderen Menschen immer wieder neu materialisiert. Zusammengehalten von wenig mehr als einer impulsiven jungen Frau mit Ponyfrisur in einer klobigen dunkelblauen Polizeiuniform, und zwischen Pony und Uniform dieses Gesicht, dem man auf eine unglaublich glühende Art ansieht, was in der Person vorgeht. Altenberger spielt sie ohne Schminke, sie sieht jung aus und wahnsinnig verletzlich, also vollkommen unverletzlich.

Beim Joggen ging Verena Altenberger eines Tages auf, was vielleicht hinter allem steckt, "dass ich, je ehrlicher ich mit meiner Verletzlichkeit umgehe, umso unverletzlicher eigentlich werde". Läufer kennen das, wenn wie aus dem Nichts ein ganz klarer Gedanke da ist, wahrscheinlich weil der Körper beschäftigt ist und nicht stört.

"Lass uns alles, nur nicht auf Nummer sicher gehen", das hat sie entspannt

Elisabeth "Bessie" Eyckhoff ist eine Polizistin am Anfang ihrer Laufbahn, sie folgt auf den immer verhaltener gewordenen Hauptkommissar Hanns von Meuffels alias Matthias Brandt, also das absolute Gegenteil. Altenberger erinnert sich, wie Florian Schwarz, der Regisseur des ersten Films, zu ihr sagte: "Weißt du was, wenn wir scheitern, dann aber so was von mit Vollgas. Lass uns alles, nur nicht auf Nummer sicher gehen." Das hätten sie dann gemacht, sagt Altenberger, "und das hat mich irgendwie entspannt".

Auf den neuesten Bildern von ihr sind die dicken braunen Haare ab, der Kopf ist kahl. Auf Instagram kann man sich das Video anschauen, wie sie beim Friseur sitzt, kurz den Mund verzieht wie jemand, der sich selber mit einer Grimasse Mut macht: Ist nicht so schlimm. Und wahnsinnig lacht. Zu einem Foto von sich schreibt sie "Jo, ich hab dann mal einen etwas radikaleren Schnitt gewagt". Vollgas.

Salzburger Festspiele 2021

Die Haare mussten für den Film "Unter der Haut der Stadt" ab, beim Pressetermin für die Salzburger Festspiele steht Verena Altenberger deshalb mit kahlem Kopf da.

(Foto: Barbara Gindl/picture alliance/dpa/APA)

Die Haare hat sie hergegeben für eine Rolle in Chris Raibers Debütfilm Unter der Haut der Stadt. Es geht um Liebe, aber auch um Krebs. Auf einem anderen Post hängen noch ein ein paar lange Haarsträhnen an der Glatze, und sie grüßt "alle, für die der Muttertag ein schwerer Tag ist". Ihre Mutter starb vor fünf Jahren an Krebs.

Von der Mutter hat die Bauerstochter ein Tagebuch geerbt. "Verena ist drei, sie sagt, sie möchte Schauspielerin werden", hat die Mutter notiert. "Dieser Wunsch", sagt Verena Altenberger, "war also sehr, sehr früh da, deshalb kann ich nicht genau sagen, wo er herkommt." Dafür kann sie, die Erfolgreiche, inzwischen "verschiedene Stufen von Schiss vor dem Drehen" exakt benennen. "Ich habe sehr viel Angst, aber gleichzeitig sehr viel Urvertrauen. Danke an meine Eltern." Wenn ihr irrationales Ich sagt, "vielleicht ist es mit dem nächsten Film vorbei, weil da hast du verkackt" - dann ist da mittlerweile auch die rationale Seite. "Die sagt: Oida, chill!"

© SZ/cag
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