Vatikan "Es läuft eine Schlacht um die Macht"

Süddeutsche Zeitung Meinung Vatikan

Papst Franziskus auf dem Balkon des Apostolischer Palasts in der Vatikanstadt

(Foto: AFP)

Andrea Tornielli ist der neue Mediendirektor des Papstes. Seine Aufgabe ist es, das Wort von "Papa Francesco" in die Welt zu tragen - und gegen konservative Blogger zu verteidigen.

Von Oliver Meiler, Rom

Im Nachhinein könnte man denken, Andrea Tornielli habe sich in den vergangenen fünfeinhalb Jahren immerzu für seine neue Aufgabe empfohlen. Mit jeder engagierten Zeile, die er schrieb, mit jedem Artikel. Sie lesen sich jetzt wie Plädoyers für einen Mann, der eigentlich keiner sonderlichen Fürsprache bedürfen sollte: der Papst. Aber die These mit der Empfehlung ist natürlich verwegen.

Der Journalist aus Chioggia bei Venedig, 54 Jahre alt, weiche Stimme und spitze Feder, war bisher einer der bekanntesten "Vaticanisti" im Land. So nennen die Italiener jene Reporter, die nur Vatikanisches verfolgen. Sie reisen mit, wenn der Papst verreist, sie kennen alle Machtintrigen der Kirche, können aus dem Stand aus alten Enzykliken zitieren. Sogar das Konklave können manche deuten, obwohl die Papstwahl ja so ungefähr das Geheimste ist, was es gibt. Tornielli tat das zuletzt für die Turiner Zeitung La Stampa und als Koordinator von Vatican Insider, einer Onlinezeitung in fünf Sprachen, die sich ein großes internationales Publikum erschrieben hat. Pro-Bergoglio, auch auf Chinesisch.

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Nun hat Franziskus Tornielli zum neuen Direktor aller Medien des Vatikans berufen. Zum Superchefredakteur gewissermaßen. Es ist dies ein bemerkenswerter Seitenwechsel für einen Profijournalisten. Tornielli ist Katholik, aber kein Geistlicher: Er ist verheiratet, hat drei Kinder. Er hat auch nicht Theologie studiert, sondern Altgriechisch. Nun wird er die publizistische Linie verantworten von Radio Vatikan und allen seinen vielen Sprachabteilungen; vom Osservatore Romano, der Tageszeitung des Vatikans, gegründet 1861; von der Fernsehanstalt Centro Televisivo Vaticano, die unter anderem alle großen Messen überträgt und die Webcam am Petersplatz betreibt; vom Verlagshaus Libreria Editrice Vaticana mit ihrem Sortiment an frommer Lektüre und von Vatican News, der Webseite des kleinen Staates.

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Andrea Tornielli

(Foto: privat)

Doch was bedeutet das, eine publizistische Linie in einer absoluten Monarchie? Im Grunde sollte es ja nur darum gehen, das Wort von "Papa Francesco", wie Tornielli ihn nennt, in die Welt zu tragen. Fein zubereitet, auf allen Kanälen. "In Zeiten der schnellen Slogans und der sozialen Medien," sagt er aber, "ist es wichtig, die Realität wieder ins Zentrum zu rücken und sie sachlich zu analysieren." Das tun offenbar nicht alle. Tornielli dachte vor allem an die vielen, dem Heiligen Vater nicht so wohlgesinnten Blogger, die in den vergangenen Jahren aufgetaucht sind. Darunter sind Nostalgiker, die sich Benedikt XVI. zurückwünschen, sowie Traditionalisten und Superkonservative mit direktem Draht zu ebendiesen Kreisen innerhalb der römischen Kurie. Anti-Bergoglio, immer.

Tornielli schrieb schon als Vaticanista gegen sie an, nun hat er den ganzen Abwehrapparat in der Hand. "Es läuft eine Schlacht um die Macht", sagte er unlängst. Und da dieser Machtkampf parallel zu den Missbrauchsskandalen läuft, ist das Kommunizieren aus dem Vatikan gerade nicht so einfach. Der Papst sprach vor einigen Tagen von "Stürmen und Orkanen", die den Vatikan schütteln.

Torniellis Vorgänger im Mediensekretariat, der italienische Priester Dario Edoardo Viganò, hatte sich in diesem rauen Klima zu einer dummen Sache hinreißen lassen: Er manipulierte einen Brief des emeritierten Papstes an den amtierenden so, dass das Schreiben wie eine Lobhudelei auf Franziskus wirkte. Einen kritischen Absatz daraus hatte er einfach weggemacht, mit Photoshop. Viganò war dann auch schnell weg. So etwas sollte Tornielli nicht passieren, dafür ist er zu lange im Geschäft. Dutzende Bücher hat er geschrieben, auch Biografien von Paul VI. und von Pius XII. In "Il Giorno del Giudizio", etwa: Tag des Jüngsten Gerichts, seinem neuesten Werk, klagt er die Ankläger von "Papa Francesco" an, die Intriganten also, die den Papst recht unverhohlen zum Rücktritt drängen.

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