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Werbung im US-Fernsehen:Alles, was man nie wollte

Magische Abflussstäbchen: TV-Commercials in den USA eröffnen eine Welt, die weit von unseren Tiefkühlkost-Anpreisungen und Blähungsbehelfen entfernt liegt.

(Foto: Sanistick/Ispot)

In deutschen TV-Werbungen sind Blähungen ein Problem. In den USA hingegen Laub, Ohrenschmalz und Kaffee. Was lief da eigentlich zwischen den Stimmauszählungen im amerikanischen Fernsehen?

Von Marlene Knobloch

Wieder bleibt nur der Reizdarm. Nach dem TV-Trip in die Vereinigten Staaten, zu den Breaking News auf CNN und Fox News, sitzt man kurz vor der heimischen Tagesschau wieder mittelalten Männern und Frauen gegenüber, die sich den Bauch reiben während ein Schulkind kichert: "Papa hat ständig gepupst!" Zur besten und teuersten Sendezeit wirbt man in öffentlich rechtlichem Fernsehen für ein Mittel gegen Blähungen. Werbung erzählt ja immer etwas über die Menschen, die sie schauen. Die werbetreibende Industrie macht sich Gedanken darüber, wer gerade vor den Fernsehern sitzt und was sie wem nahebringen können. Damit verdienen sie am Ende ihr Geld. Die Deutschen haben ein offenes Ohr für ihren Darm.

Während in Deutschland die Verdauungskanäle verstopft sind, quellen in Amerika die Regenrinnen voller Laub über. Wer in den letzten Tagen CNN oder Foxnews schaute, der blickte in den Werbeunterbrechungen in eine Welt aus fahrenden Laubsaugern, Dachrinnenlaubschutz-Filtern, aber auch Ohrenschmalz-Absauggeräten. Es war eine Welt voller Dinge, von denen man nichts wusste, die man nie wollte und die man nicht brauchte. Und alles hatte diese 90er-Ästhetik.

Kraftsauger für Laub.

(Foto: DR/Ispot)

In einer Werbepause dort plagt sich eine junge Frau mit einer Saugglocke am Waschbecken, bis eine ältere Frau vor die Kamera tritt und ein dünnes, kurzes Stäbchen ins Waschbecken wirft. Sie wirft es auch noch in ein mit Dreckwasser gefülltes Spülbecken, in die Badewanne, in ein Abflussgitter und schließlich in eine Plastikrohr-Attrappe, in der dieser "Sanistick" erst einmal ereignislos liegen bleibt. Was genau dann dieses Zauberstäbchen in den Tiefen all der Installationen treibt, erfährt der Zuschauer nicht. Es bleibt ein magisches Versprechen.

Auf Fox News beginnt ein Spot mit einer 30-sekündigen - und 30 Sekunden sind in der Werbewelt eine teure Ewigkeit - Hasstirade auf Kaffee: Blasse, krank aussehende Menschen schauen in ihre mit brauner Plörre gefüllten Tassen oder halten verschmierte Starbucks-Becher in Händen, dazu erzählt ein Moderator mit einer Erwachet-endlich-Stimme, wie viel Geld wir jeden Monat für Kaffee ausgeben. Für Kaffee, der ungesund ist, der uns abhängig und müder macht. Man will schon einer Anti-Kaffee-Partei in den USA beitreten, da erfährt man, worum es geht: Hört auf, Kaffee zu trinken, und nehmt stattdessen jeden Tag zwei von unseren Gemüsetabletten! Was Gemüse mit Koffein zu tun hat, erfahren wir nicht.

Jeder dritte Spot ist ein Nahrungsergänzungsmittel. Die Deutschen haben ihre Blähungen, bei denen das Epizentrum der Darm ist. Bei Nahrungsergänzungsmitteln weiß niemand mehr wirklich, wo genau das Problem liegt. Gibt es überhaupt eines? Doch überall lauert schließlich ein Mangel. Auch ein gesunder Körper kann noch gesünder werden.

Natürlich gibt es echte Krankheiten in den USA. Mehr als sechs Milliarden Dollar geben amerikanische Pharmakonzerne jedes Jahr für Medikamentenwerbung aus. Die USA sind neben Neuseeland das einzige Land der Welt, in dem Direktwerbung auch für verschreibungspflichtige Medikamente erlaubt ist. Wie in einem TV-Spot für Herztabletten, die mit einem fast Trumpschen Wahrheitsbegriff versprechen, zu 25 Prozent besser vor Herzinfarkten zu schützen. Es sind quasi die besten Herztabletten, die Amerika je hatte, sie machen einen großartigen Job! An dieses Selbstbewusstsein knüpft dann aber die verpflichtende Warnung vor Nebenwirkungen an, die in Amerika streng geregelt ist: Hier müssen mögliche Krankheiten, unerwünschte Effekte und Schädigungen aufgezählt werden. So erzählt ein gut gelaunter Sprecher, dass Herzrhythmusstörungen oder vorübergehende Blindheit sowie Muskelschmerzen oder Atemnot auftreten können. Man sollte dann den Doktor aufsuchen!

Tom Selleck preist Leibrenten an.

(Foto: AAG/Youtube; DR/Ispot)

Während sich Deutschlands Kreativagenturen noch den Kopf über bedeutungsschwere Dialoge zerbrechen ("Wenn du dein Leben noch einmal leben könntest, würdest du alles noch einmal genauso machen?"), erzählt im amerikanischen Fernsehen Debbie, dass sie eine Finanzversicherung ausprobiert hat und jetzt empfehlen kann. Roger aus Florida sagt, er würde das wieder nutzen. Und Cheryl und Larry aus Jacksonville sind begeistert und sagen: Wir sind begeistert. Ein Mann von MyPillow Towel gratuliert sich zu seiner bahnbrechenden Erfindung: "Handtücher, die funktionieren. Was für ein Konzept!"

Die Deutschen lieben es in ihren Werbungen, nach Hause zu kommen, ins Warme, aus dem Regen ins Trockene

Und dann gibt es Produkte, bei denen selbst der Muttersprachler nicht mehr verstehen wird, worum es genau geht. Der Schauspieler Tom Selleck, der fast den Indiana Jones gespielt hätte, dann aber Sprecher der "National Rifle Association" wurde, erklärt mit in Würde ergrautem Schnauzer: "Hören Sie, ich würde jetzt nicht hier stehen, wenn ich glauben würde, dass eine Hypothek mit Leibrente jemals einen Senioren ausgenutzt hätte." Er bewirbt ein spezielles Kreditmodell, bei dem Menschen ab 62 Jahren monatlich Geld erhalten, das sie mit dem Reinvermögen ihres Hauses nach ihrem Tod abbezahlen. Die Hypothek als Rente ist wohl gemeint.

Die Deutschen lieben es in ihren Werbungen, nach Hause zu kommen, ins Warme, aus dem Regen ins Trockene. "Zu Hause" ist der Ort mit Ofen, in dem eine Salamipizza dampft. In Amerika ist der Markt übersättigt. Werbung für Tiefkühlpizza zu machen, wäre so, als würde man einen Briten fragen, ob er schon mal was von den Beatles gehört hat.

Vielleicht empfindet man nach der US-Wahl nun eine stille Sehnsucht nach dem CNN-Zahlenmann John King anstelle von Thorsten Schröder. Es kann aber auch sein, dass man nicht mehr ohne Laubsauger leben möchte. Dann sollte man sich vielleicht beeilen, bevor alle Blätter weg sind. Und man das alles am Ende nicht mehr braucht.

© SZ/beg
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