US-Fernsehserien im Sommer Feuer fangen

Lee Pace (links) als Joe MacMillan in einer Szene aus "Halt and Catch Fire".

(Foto: AP)

Eine Folge der US-Serie "Halt and Catch Fire" kostet in der Produktion etwa drei Millionen US-Dollar - trotzdem startet die erste Staffel im traditionell quotenschwachen Sommer. Das birgt zwar ein gewisses Risiko, ist aber Teil einer neuen Strategie.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Am Ende der ersten Folge von Halt and Catch Fire fragt der Ingenieur Gordon Clark den größenwahnsinnigen Visionär Joe MacMillan: "Was willst du eigentlich beweisen?" Genau diese Frage könnte man auch dem amerikanischen Fernsehsender AMC stellen, der diese spannende Serie über den Computerboom der Achtzigerjahre vor einigen Tagen auf dem Sendeplatz seiner Werberserie Mad Men gestartet hat. Wahrscheinlich würde AMC-Chef Josh Sapan dann ebenso genüsslich grinsen wie MacMillan in der Serie. Ein Grinsen, das ausdrücken soll: Keine Sorge, ich weiß schon, was ich mache.

Bis vor wenigen Jahren wäre kein vernünftiger Sender auf die Idee gekommen, eine teuer produzierte Serie wie diese - laut Branchenexperten kostet eine Folge etwa drei Millionen US-Dollar - im Juni beginnen zu lassen. Der Sommer diente vor allem dazu, die Folgen der vergangenen Spielzeit zu wiederholen, damit dann zum Start der neuen Staffel im Herbst mehr Leute einschalten. Vielleicht ein paar kleinere Projekte, eine Miniserie vielleicht, das war's aber auch schon. Der Sommer gehörte dem Popcorn-Kino, das Fernsehen hatte sich da gefälligst zurückzuhalten.

Sapan gibt sich nun als Visionär, er wählte noch eine weitere Strategie, die bis vor Kurzem als undenkbar gegolten hätte: Die Erstausstrahlung der ersten Folge fand nicht auf seinem Sender statt, sondern bereits eine Woche zuvor auf dem sozialen Netzwerk Tumblr. AMC arbeitet also bei der Vermarktung mit der zum Yahoo-Konzern gehörenden Seite zusammen, zudem gilt es als erklärtes Ziel, Halt and Catch Fire zu einem möglichst hohen Preis an einen Streaming-Dienst wie etwa Netflix zu verkaufen.

Einschaltquoten sind nicht mehr so wichtig

Die Einschaltquoten zum Start, bislang der Heilige Gral der amerikanischen Fernsehunterhaltung, seien ihm deshalb nicht so wichtig: "Wir glauben nicht, dass der ein wenig panische Ansatz, eine Serie nach drei oder vier Ausstrahlungen zu bewerten, der heutigen technologischen Welt und dem Verhalten der Kunden gerecht wird. Wir haben mehr Geduld."

Sapan hat ganz offensichtlich aus einer anderen erfolgreichen AMC-Serie gelernt. Mad Men wurde auf dem Sender zum popkulturellen Phänomen, von dem AMC allerdings nur teilweise profitieren kann. Die Produktionsfirma Lionsgate nämlich vertreibt die Geschichte über die Werbeagentur selbst auf DVD und generiert durch den Verkauf an Netflix zusätzliche Einnahmen. Halt and Catch Fire dagegen wird von AMC komplett selbst produziert, was zu deutlich höheren Umsätze führen könnte. "Natürlich ist auch das Risiko höher", sagte Sapan der SZ.

Der traditionell quotenschwächere Sommer erschien Sapan die geeignete Möglichkeit, mit dieser Serie auf den Markt zu kommen. Die Konkurrenz ist geringer als im Herbst, auch wenn der Erfolg der Fernsehadaption von Stephen Kings Roman Under the Dome im vergangenen Sommer dafür gesorgt hat, dass zahlreiche Sender nun auch außerhalb der traditionellen Spielzeiten aus allen kreativen Rohren feuern.

Neuer Stoff in den Sommermonaten

CBS startet die zweite Staffel von Under the Dome am 30. Juni, Netflix stellte am 6. Juni alle Folgen der zweiten Spielzeit von Orange is the New Black bereit und am 1. August die letzte Staffel von The Killing. Am 1. Juli startet bei CBS die Sciene-Fiction-Serie Extant mit Halle Berry in der Hauptrolle, bei NBC läuft seit dem vergangenen Wochenende das Piratendrama Crossbones mit John Malkovich, TNT kontert von 22. Juni an mit dem Action-Spektakel The Last Ship mit Eric Dane. Während der Sommermonate alte Serien zu wiederholen, reicht dem Publikum nicht mehr. Es will neuen Stoff - und den bekommt es jetzt auch.

Halt and Catch Fire, diese Serie über technische Visionen und Größenwahn, wurde nicht nur heftig beworben, sondern auch vorab den Mitarbeitern von Technologiekonzernen wie Google, Apple und Twitter gezeigt. Auch Apple-Gründer Steve Wozniak hatte eine Kopie bekommen, er sagte danach: "Ich habe einen Haufen Leute aus der Technikszene wiedererkannt, unter anderem Steve Jobs und mich selbst." Trotz dieses Lobs schalteten am Sonntag erst einmal nur 1,2 Millionen Menschen ein. Dass dies auch zum großen Plan von Josh Sapan gehört, darf eher bezweifelt werden.