Maybrit Illner:Die Stunde des Friedrich Merz?

maybrit illner (2021)

Friedrich Merz im Gespräch mit Melanie Amann bei Maybrit Illner.

(Foto: ZDF und Svea Pietschmann)

Der CDU-Politiker spricht bei Maybrit Illner über Armin Laschets möglichen Rücktritt. Und lässt dabei kunstvoll offen, wie seine Rolle nun aussehen wird.

Von Joachim Käppner

Der Dichter Friedrich Rückert hat einst vor dunklen Gefühlen warnen wollen mit dem hübschen Vers: "Die Rach' ist eine Lust, die währt wohl einen Tag, / die Großmut ein Gefühl, das ewig freun Dich mag." Sollte Friedrich Merz, wie es bei einem konservativen Bürgerlichen keineswegs auszuschließen ist, mit dem alten Rückert vertraut sein, so sah der CDU-Politiker am Donnerstagabend nach außen hin bei Maybrit Illner so aus, als habe er sich diese Worte zu Herzen genommen. Merz, der perfekte Gentleman, der mit gütigem Lächeln nur Gutes über Armin Laschet sprach, "der jeden Respekt verdient" für seine Andeutungen, er werde einem Neuanfang in der Union nicht im Wege stehen, vielleicht. Merz, der mit unnachahmlich treuherzigem Blick über Laschet Dinge sagte wie: "Solange dieser Vorsitzende im Amt ist, ist dieser Vorsitzende im Amt."

Maybrit Illner: Joachim Käppner vermisst in nostalgischen Momenten den Reporterveteranen Peter Scholl-Latour, wenn der im Presseclub aus der weiten Welt berichtete und auf Widerspruch mit der Miene eines Mannes reagierte, der längst akzeptiert hat, wie viel Dummheit in der Welt ist.

Joachim Käppner vermisst in nostalgischen Momenten den Reporterveteranen Peter Scholl-Latour, wenn der im Presseclub aus der weiten Welt berichtete und auf Widerspruch mit der Miene eines Mannes reagierte, der längst akzeptiert hat, wie viel Dummheit in der Welt ist.

Aber wenn "die Rach' eine Lust wäre, die nur einen Tag währt, dann war dieser eine Tag doch ein ganz besonders schöner für Friedrich Merz.

Und warum sollte er ihn nicht genießen. "Dieser Vorsitzende" der CDU dürfte im Amt nun so schnell Geschichte sein wie eine Führung von Borussia Mönchengladbach hält, um in Laschets rheinischer Heimat zu bleiben. Und was dann aus Friedrich Merz wird, das ließ der kunstvoll offen. Nur so viel: Er werde sich "nie mehr" einer Kampfkandidatur um den Vorsitz auf einem Bundesparteitag der CDU stellen.

Sprich: Wenn Ihr mich ruft, hier bin ich! Aber ich werde nicht mehr gegen solche Leute antreten. Klammer auf: Wie damals, als er gegen Armin Laschet verlor, und warum hat er verloren? Wegen des Establishments, also dem der Partei, der Merkel und ihrem Hofstaat. Klammer zu.

Friedrich Merz würde so etwas selbstredend nicht laut sagen. Mit genussvoller Kühle dozierte er über den langen Weg der Union von der Volkspartei hinunter zu den Pforten der Hölle, der 24-Prozent-Oppositionspartei. Merz war lange Hoffnungsträger jenes konservativen Lagers in der Union, das von guten alten Zeiten der Klarheit träumt, ob es diese Zeiten nun jemals gab oder auch nicht. Laschet dagegen verkörperte aus Sicht dieses Unionsflügels so viel Klarheit wie ein Aachener Karnevalsprinz am späten Abend vor Aschermittwoch.

Eigentlich hatte diese Sendung alle Voraussetzungen, Zuschauerinnen und Zuschauer sehr bald einnicken zu lassen, und das ohne jedes Verschulden ihrer durchweg gescheiten Gäste oder der wie meist gut aufgelegten Moderatorin. Man war, aus Publikumssicht, halt nur so müde, so sehr, sehr müde. So viele Talkshows, Meinungshaber und Großdeuterinnen zum immer Gleichen, bald zwei Wochen nach der Bundestagswahl. Merz stand längst auf der Einladungsliste, als wenige Stunden vor der Sendung sein alter Widersacher Armin Laschet jene Rede hielt, aus der sich schließen ließ, er, Laschet, könnte oder würde, wenn die Zeit gekommen ist, vielleicht doch abtreten, sollte die Partei dies wünschen, und schauen wir mal. Sprich: Das Ende ist nah. Und Merz, Laschets zweitschärfstem innerparteilichen Gegner (nach dem in dieser Hinsicht nicht schlagbaren Markus Söder) gehörte bei Maybrit Illner die Bühne.

Nichts gegen Cem Özdemir, den freundlichen grünen Integrator, oder Jessica Rosenthal, zwei weitere Gäste: Aber sie blieben doch eher Randfiguren. Rosenthal allerdings vollbrachte, dies nebenbei, für eine ins Fernsehen eingeladene Juso-Chefin eine bemerkenswerte Leistung. Anders als ihr Vorgänger beleidigte sie keine potenziellen Koalitionspartner (FDP) als Voodoo-Prediger, brandmarkte den eigenen Kanzlerkandidaten (SPD) nicht als Knecht des staatsmonopolistischen Kapitalismus (Scherz) und vermied die übliche Attitude der SPD-Linken, alles besser zu wissen, während die anderen es besser machen. Sie brachte sogar das Wort "Fortschrittskoalition" über die Lippen, obwohl der kosmische Widersacher a. D. Christian Lindner dort gemeinsam mit seinen neuen Freundinnen und Freunden von den Grünen den Königsmacher spielt. Die Macht ist nah, und so viel Disziplin muss sein. Olaf Scholz sollte sich nur nicht darauf verlassen, dass sie ewig währt.

Aber diese Talkshow war die Stunde des Friedrich Merz, auch wenn er die Haltung "Hab ich's euch nicht gleich gesagt?" tapfer zu vermeiden suchte. Witzig und pointiert bot ihm allein Melanie Amann, Leiterin des Berliner Hauptstadt-Büros des Spiegels, kräftig Paroli, etwa durch die hartnäckig wiederholte Frage, was der Herr Merz denn inhaltlich so viel anders und besser machen würde als Laschet oder die Noch-Kanzlerin. Merz freilich wich gekonnt aus. Wozu Inhalte, wenn die Rache so süß schmeckt? Vielleicht hat er statt Friedrich Rückert doch eher seinen Wilhelm Busch gelesen: "Ist fatal!" bemerkte Schlich. / "Hehe! Aber nicht für mich."

© SZ/pwe
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