Trash-Talk mit Drehbuch auf Sat 1 Heute ist alles schlimmer

Der Sturm der Entrüstung hat sich verzogen. Trash-Talk-Shows erregen längst niemanden mehr. Sat 1, die TV-Bühne für gescheiterte Existenzen, hat sich aber noch einmal verschlechtert: mit einer "gescripteten" Gesprächssendung.

Von Ralf Wiegand

Vor ein paar Jahren - oder ist es Lichtjahre her? - hat man sich noch Sorgen um die Qualität des TV-Programms gemacht. Die Debatte lief unter dem Stichwort "Unterschichtenfernsehen" und besprach, wovon sich einkommensschwache, bildungsferne Stubenhocker so den ganzen Tag ihr Restniveau aufzehren lassen. Die Namen zu den Trash-Talks dieser Zeit hießen Johannes B. Kerner oder Vera Int-Veen oder Andreas Türck oder Arabella Kiesbauer und standen für einen Fernsehexhibitionismus der schlimmsten Sorte.

Früher gaben alle in Talkshows schlimme Geschichten zum besten. Bei Ernst-Marcus Thomas muss niemand wirklich etwas zu erzählen haben.

(Foto: Benedikt Müller)

Gescheiterte Existenzen bedienten in diesen Sendungen mit ihren aus Suff, Sex und Gewalt zusammengetackerten Lebensgeschichten das voyeuristische Publikum daheim, das sich wohlig noch ein Dosenbier aufmachen durfte: Guck' mal, die im Fernsehen sind auch nicht besser. Die führenden Unterschichtenprivatfernsehsender standen rasch im Verdacht, mit ihrem Angebot eine mediale Klassengesellschaft zu erschaffen. Ui, Debatte!

Wie gesagt, das war so um die Jahrtausendwende. Heute ist alles anders, keine Debatte mehr, der Sturm der Entrüstung hat sich verzogen. Heute ist alles schlimmer. Sat 1 zum Beispiel: Täglich ab 12 Uhr bedienen dort gescheiterte Existenzen in Talksendungen das voyeuristische Publikum mit ihren aus Suff, Sex und Gewalt zusammengetackerten Lebensgeschichten - nur mit dem Unterschied zu früher, dass diese Geschichten erfunden und die gescheiterten Existenzen "Schauspieler" sind. Oder "Laiendarsteller", irgendetwas in Gänsefüßchen jedenfalls.

Nach zwei Wochen war es nur fast vorbei

Gescriptet ist diese Talkshow, so nennt das die Branche. Tatsächlich ist das alles nur ein modernes Kammerspiel, erfundene Personen, Geschichten, erfundenes Publikum, falsche Kameramänner. Die dreckigen Dialoge ("Du Schlampe!" - "Halt's Maul" - "Piiieps") stammen aus der Feder eines, ja was eigentlich, eines "Autoren"? Irgendwas in Gänsefüßchen jedenfalls.

Zwei Wochen lang hat Sat 1 auf diesem Sendeplatz eine "Moderatorin" namens Annica Hansen ausprobiert. Im Internet finden sich ein paar Blogs, deren Blogger der festen Überzeugung sind, es habe nie etwas Schlechteres im deutschen Fernsehen gegeben als Annica Hansen - Der Talk. Man möchte das widerspruchslos so stehen lassen, die Quoten sanken zum Glück innerhalb von zwei Wochen stetig.

Aber nach zwei Wochen war es nur fast vorbei: Seit vergangenem Montag darf sich nun ein gewisser Ernst-Marcus Thomas mittags Punkt zwölf ausprobieren, die Sendung heißt Ernst-Marcus Thomas - Der Talk. Herr Thomas hat vor vier Jahren schon mal den ZDF-Fernsehgarten moderiert und sich damals bereits, wie heute noch, ständig als "Mann mit den drei Vornamen" vorgestellt. Genauso oft darf man jetzt raten, ob der Sat 1-Fake-Talk durch ihn besser geworden ist.

Klingt so wie: Hey, läuft alles super

Warum Sat 1 sogar die abgehängteste Unterschicht mit solchem Müll beleidigt, ist leicht zu beantworten: Vorgetextete Sendungen sind berechenbarer, weil ordinäre Sprüche und fliegende Fäuste nicht mühsam provoziert, sondern einfach vom "Regisseur" angeordnet werden. Und billiger ist es auch, als eine Redaktion darauf anzusetzen, echte Lebensgeschichten zu finden von Leuten, die dann auch noch blöd genug sein müssen, sie im Fernsehen möglichst dreckig zu erzählen. Die Blöden hat Britt Hagedorn schon seit einer Weile exklusiv, in der letzten echten Trash-Talkshow. Auf Sat 1.

Warum aber macht Ernst-Marcus Thomas dabei mit? Weil er jung ist und das Geld braucht? Herr Thomas gehört eine Firma namens Charismedia, auf seiner Website erklärt der Mann mit den drei Vornamen, er arbeite "in ganz Europa am Auftritt von CEOs und Managern". Top-Manager, Politiker und Medien-Persönlichkeiten zählen angeblich zu seinen Kunden - die Firma für "International Media Training" sitzt in der Schweiz. Klingt so wie: Hey, läuft alles super.

Der Mann mit den drei Vornamen hat laut Lebenslauf Theaterwissenschaft und Persönlichkeitspsychologie studiert und war "internationaler Berater für die ARD aus den Niederlanden". Sogar "Chefredakteur beim größten Schweizer Privatsender Star TV". Jetzt tut er bei Sat 1 so, als moderiere er eine Talkshow.

Im Werbevideo für Charismedia sagt Herr Thomas übrigens, es sei unter anderem ganz wichtig, "authentisch und natürlich zu sein". Oder sonst irgendwas in Gänsefüßchen.

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