Theodor-Wolff-Preis:"Journalist in einem Krieg zu sein, wird immer gefährlicher"

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Theodor-Wolff-Preis: Andrej Kurkow, Autor und Präsident des PEN Ukraine, erinnert in seiner Rede an die Reporter, die seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine getötet wurden.

Andrej Kurkow, Autor und Präsident des PEN Ukraine, erinnert in seiner Rede an die Reporter, die seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine getötet wurden.

(Foto: Annette Riedl/dpa)

Bei der Verleihung des renommierten Journalistenpreises hebt der ukrainische PEN-Präsident die Relevanz der freien Presse in Kriegszeiten hervor. Den Sonderpreis gewinnt das Zentrum für Pressefreiheit in Lwiw.

Von Johannes Korsche

"Am 24. Februar wurde ich, wie alle Einwohner Kiews, frühmorgens von Explosionsgeräuschen aus dem Schlaf gerissen", erinnerte sich Andrej Kurkow, Autor und ukrainischer PEN-Präsident. Er sprach das Grußwort bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises, einer der renommiertesten Auszeichnungen für Journalistinnen und Journalisten in Deutschland. Am Mittwochabend wurden mehrere Journalistinnen und Journalisten mit dem Journalistenpreis der Digitalpublisher und Zeitungsverleger in fünf Kategorien ausgezeichnet. Das von Reportern ohne Grenzen mitgegründete "Zentrum für Pressefreiheit" in Lwiw erhielt einen Sonderpreis. Dort bekommen Kriegsberichterstatter Unterstützung, von Helmen und Erste-Hilfe-Kästen bis zu hin zu finanzieller und psychologischer Hilfe.

In seiner Rede erinnerte Kurkow an die Reporter, die seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine getötet wurden. "Journalist in einem Krieg zu sein, wird immer gefährlicher." Zumal der Aggressor nicht nur einen militärischen Krieg führe, sondern auch einen "Informationskrieg, indem er Fake News und ein falsches Narrativ verbreitet". Deshalb sei jeder Bericht über die Wahrheit in der Ukraine so wichtig. Zwar könne nicht ein einzelner Artikel den Krieg beenden, "dazu sind Tausende von Beiträgen, Artikeln, Essays erforderlich, die der ganzen Welt zeigen, dass dieser Krieg nicht hinnehmbar ist". Es sei aber die Aufgabe der Journalisten, die Politiker aller Länder zu zwingen, sich "gegen den Krieg und diejenigen, die ihn führen, zu vereinen", sagte Kurkow. "Das ist die Mission von Journalisten im Krieg."

Auch die mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnete Reportage "Die andere Seite der Medaille" im Süddeutsche Zeitung Magazin widmet sich dem Krieg, beziehungsweise dem, was für die Soldaten nach einem Militäreinsatz übrig bleibt. Johannes Böhme erzählt darin von Soldaten, die mit dem "Ehrenkreuz für Tapferkeit", der höchsten Auszeichnung der Bundeswehr, geehrt wurden. Erst 28 Mal wurde das Kreuz verliehen. Die Geschichte von fünf Geehrten erzählt Böhme. "Es fiel vielen von ihnen schwer, stolz auf diese Auszeichnung zu sein", erzählt Böhme von der Recherche. Auch weil sich inzwischen das gesellschaftliche Verhältnis zu Militär und Heldentum gewandelt habe, vermutet er. Die Reportage stellt daher auch die Frage, ob so eine Tapferkeitsmedaille überhaupt noch zeitgemäß ist.

Kommentar zum Genderstern gewinnt in der Kategorie Meinung

In der Kategorie bestes lokales Stück gewann Judith von Plato für "Gustavs letzter Gang" in der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Sie habe den Weg eines Ochsen zum Schlachter ohne jede Wehleidigkeit oder Idealisierung nachgezeichnet. Für das beste lokale Digitalprojekt wurden Christine Badke, Veit Ellerbrock und Team für "Flutprotokolle" geehrt, ein Projekt von Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnischer Rundschau. Es zeigt Videos von Menschen, die von der Flutkatastrophe 2021 betroffen waren.

In der Kategorie Meinung gewann Ingo Meyer für seinen Beitrag "Das Märchen vom Gendersterntaler" in der Berliner Zeitung. Es sei ein hinreißender, mutiger Text gegen den Mainstream, hieß es laut Mitteilung von der Jury. In dem Text stellt sich Meyer, der als Korrektor bei der Berliner Zeitung arbeitet, die Frage, ob es überhaupt eine "gerechte Sprache" geben kann. Und ob der Genderstern dann tatsächlich auch den Weg zu dieser Gerechtigkeit ebnet. Ergebnis: "Gendersprache ist weder praktisch noch zielführend."

Der Preis zum Thema des Jahres "Deutschland hat die Wahl - Wie Sieger zu Verlierern werden und umgekehrt" ging an Caterina Lobenstein und Stephan Lebert. Die Jury wertete ihren Text "Der Letzte seiner Art" in der Wochenzeitung Die Zeit als beeindruckendes Porträt des CDU-Politikers Karl-Josef Laumann. In dieser Kategorie war auch der Artikel "Lasst mich halt" von Roman Deininger und Boris Herrmann nominiert. Das Porträt des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet erschien als Buch Zwei bei der SZ.

Der mit 30 000 Euro dotierte Theodor-Wolff-Preis gehört zu den renommiertesten Auszeichnungen in der Medienbranche in Deutschland. Er erinnert an den langjährigen Chefredakteur des Berliner Tageblatts, Theodor Wolff (1868-1943), und wird seit 1962 verliehen.

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