Terrorismus und Journalismus:Der Terror braucht die klassischen Medien nicht

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Nicht nur das Publikum, auch Wissenschaftler kritisieren regelmäßig Medien für ihre Berichterstattung zum Thema Terrorismus. Die einen meinen, Berichterstattung sei unverzichtbar für eine Demokratie - der Gefallen, den die Medien den Terroristen tun würden, fange da an, wo über die Nachricht hinaus das menschliche Leid der Opfer thematisiert würde. Andere kritisieren genau andersrum eine zu breite nachrichtliche Berichterstattung und fordern, anstelle über Taten und Täter fast nur noch über die Opfer und die politischen Hintergründe zu berichten. Allein diese unterschiedliche Einschätzung von Wissenschaftlern, die nicht nur Teaser oder Überschriften lesen, zeigt schon die Krux: Es ist fast unmöglich, über Terror zu berichten, ohne sich angreifbar zu machen.

Attack on Air Products factory

Sicherheitskräfte nach dem Anschlag auf eine Fabrik im südfranzösischen Saint-Quentin-Fallavier am Freitag.

(Foto: dpa)

Hinzu kommt die fünfte Macht im politischen Gefüge, die sich im Internet gefunden hat, in den sozialen Netzwerken. Sie macht es besonders leicht, nur noch die eigene Wahrheiten in die Gedankenwelt einfließen zu lassen.

Weshalb sich dort unter anderem Terroristen mit gezielten PR-Kampagnen direkt an ihr Publikum wenden. Zum Beispiel an Europäer, darunter auch immer mehr Frauen, die für den IS in den Krieg ziehen. Dafür brauchen sie die klassischen Medien nicht mehr.

Selbst wenn diese sich also darauf einigen würden, überhaupt nicht mehr über Anschläge zu berichten, oder aber nur noch in kleineren Meldungen, so wie es etwa bei Selbstmorden der Fall ist, um keine Nachahmer zu inspirieren: Der Terror hat längst andere Wege gefunden, sich zu verbreiten.

Aufklärung, Bildung - und Differenzierung

Es stimmt, dass die Welt auf einen zunehmenden Terror reagieren muss. Gerade auch weil, wie in allen Konflikten, es nicht nur Gut und Böse gibt. Es gibt Gründe für den Terror. Nur eine globale Strategie von Medien, Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Einrichtungen könne das Problem lösen, hieß es am Dienstag zum Thema beim "Global Media Forum" der Deutschen Welle in Bonn. Wenn der IS Facebook, Twitter oder Cartoon-Apps als Werkzeug benutzt, um schon Achtjährige für seine internationale Kriegsführung zu gewinnen, müssten die klassischen Medien mit umso mehr Aufklärung über den Islamismus kontern.

Die pakistanische Entwicklungsberaterin Gulmina Bilal berichtete: "Sie sprechen nie als erstes über Terrorismus. Sie fragen eher: Was hast du heute gegessen? Ist es nicht schlimm, dass die Kinder in Syrien nichts zu essen haben?" Der kanadische Menschenrechtler Kyle Matthews nannte den IS auf der Tagung die "Posterboys des Terrorismus". Wie attraktiv das auf junge Menschen in der ganzen Welt offenbar wirkt, hat sich an diesem Freitag wieder einmal gezeigt.

Auch deshalb müssen die Medien reagieren. Über Art und Umfang der Berichterstattung wird bisweilen zu Recht gestritten. Im Gegensatz zu einigen konservativen Sendern in den USA zeigen deutsche Medien etwa keine Videos von Enthauptungen. Ob jeder Attentäter mit Namen genannt und mit Foto gezeigt werden muss, ist eine weitere Überlegung wert. Dass allerdings über Terrorismus gar nicht mehr berichtet werden sollte, ist eine naive Forderung. Sie steht der Freiheit der Presse, dem Informationsbedarf und -recht der Bürger, dem Wettbewerb unter den Medien und dem Zeitgeschehen entgegen.

Mal zu viel Plattform, mal zu wenig Hintergrundinfos

Nicht der Überbringer der Nachricht ist schuld an Terror, Flugzeugabstürzen, dem Versagen von Politikern oder an einem entfesselten Kapitalismus. Dennoch leben wir in rasenden Umbrüchen und ja, auch im Journalismus gibt es immer wieder Fehler. Nicht wenige lernen aber daraus und versuchen sie zu vermeiden und immer besser zu werden. Es ist falsch zu glauben, Redaktionen würden nicht bei jedem Ereignis neu überlegen, wie darauf zu reagieren ist, nach bestem Gewissen.

Gleichzeitig ist es gut zu wissen, dass Empörung überhaupt noch möglich ist. Angesichts der zahlreichen Toten, die weltweit ständig Opfer von kriegerischen Auseinandersetzungen werden, für die sich trotz regelmäßiger Berichterstattung die wenigsten interessieren, darf man als Berichterstatter fast schon beruhigt sein über jedes Schicksal, an dem die Menschheit überhaupt noch Anteil nimmt.

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