Tatort-Kolumne Bierchen trinken mit den "Fun Boy Two"

Der Tatort aus Berlin hat es in sich, was nicht nur, aber auch an den Kommissaren Ritter und Stark liegt. Eine Reise in die Erinnerungen an die 80er Jahre, als man in schwarzer Lederjacke dem Weltuntergang entgegendämmerte. Vor allem die Dialoge der beiden Ermittler haben Klassikerqualität.

Von Alexander Gorkow

Dieser Tatort aus Berlin hat es in sich, und dies nicht bezüglich der üblicherweise zur Schau gestellten Kriminalfolklore oder den Höhö-Späßchen in der Gerichtsmedizin. Vielmehr ist die Folge "Mauerpark" von Autor und Regisseur Heiko Schier das geworden, was der Mauerpark zwischen dem noch halbwegs rauen Wedding und dem Kindergarten Prenzlauer Berg auch ist: nicht direkt schön, dafür schön mit beschädigter Sehnsucht aufgeladen. Die Geschichte über den toten Anwalt Simon Herzog glänzt durch suggestive Bilder, knappe Dialoge und den brillanten Robert Gwisdek, der einen jungen Sonderling spielt.

Zwei mit Melancholie zugemauerte Komiker: Das Berliner 'Tatort'-Duo Dominic Raacke (r.) in der Rolle des Till Ritter und Boris Aljinovic als Felix Stark.

(Foto: dapd)

Zusammengehalten werden die akkurat verschwommenen Handlungsteile durch den Münchner Dominic Raacke und den Berliner Boris Aljinovic, zwei Schauspieler, die von ihrem Sender RBB mitunter deutlich unter dem Wert verheizt werden, den sie haben: Das sind zwei mit Melancholie zugemauerte Komiker im Stile von "Simon & Garfunkel", deren Dialoge in dieser geheimnisvollen, mit Zeichen aufgeladenen Folge immer wieder mal Klassikerqualität haben.

Eine Rolle spielen hier auch Erinnerungen an die heillos sinnlosen 80er-Jahre, an die Berliner Disco Dschungel, dem zweiten existentiellen Schuppen in Deutschland neben dem Ratinger Hof in Düsseldorf: In beiden Läden dämmerte man in schwarzer Lederjacke und am Tropf der jeweils örtlichen Brauerei mit größter Würde dem Weltuntergang entgegen, wenn man nicht gerade was auf die Schnauze bekam. Beide Einrichtungen zerfielen exakt Ende der 80er zu Schutt und Asche. Damit erlosch eine schöne, deutsche, triadische Kulturform: die des Trinkens, Schweigens und Angepisstseins bei sehr, sehr lauter Musik.

"Our lips are sealed", singen hier noch einmal die "Fun Boy Three". Rebecca Immanuel schaut dazu zum Weinen gestrig, und die beiden Fun Boy Two - Raacke und Aljinovic - stehen mit einer Musikkassette in der Hand in einer eiskalten Hütte im Mauerpark, grad, als wären sie aus dem time loop gefallen. Dem an die Investoren gefallenen Park wird hier ein Denkmal gesetzt. Vor allem aber ist dies ein Tatort für die "Generation Lederjacke". Die rechnete in den 80ern mit dem Weltuntergang, hielt im Kampf die Stellung und wundert sich heute, dass der Untergang jetzt erst kommt. Schrecklich. Schön.

Ansehen, dazu Bierchen trinken.

Sendung: ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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