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"Tatort" aus Wiesbaden:Das doppelte Murotchen

'Tatort: Die Ferien des Monsieur Murot' im Ersten

Ulrich Tukur schlüpft in die Rolle von Felix Murot, der in die Rolle von Walter Boenfeld schlüpft. Anne Ratte-Polle spielt Boenfelds Ehefrau.

(Foto: Bettina Müller/dpa)

Kommissar Felix Murot findet in diesem "Tatort" einen Doppelgänger. Also streift er sich ein neues Leben über - samt Hawaiihemden, Goldkettchen und Ehefrau.

Von Theresa Hein

Folge 30/2020

Ermittler: Murot / Wächter

Kennen Sie Seebühl am Bühlsee? Das ist der Ferienort aus "Das doppelte Lottchen" und wie diese Kolumne, mit der Frage nach Seebühl nämlich, fängt auch Erich Kästners Roman an. Wobei Kästner seine Leserinnen und Leser duzt, was bei Jugendromanen nachvollziehbar ist.

Ein wenig wie Lotte ergeht es jedenfalls Ulrich Tukur als Felix Murot in "Die Ferien des Monsieur Murot" (Regie: Grzegorz Muskala). Gerade sinnt er schön entspannt über das Leben nach, da trifft er im Hotel einen Mann, der ihm aufs Haar gleicht - kein Wunder, denn dieser Mann wird gespielt von: Ulrich Tukur. Anders als Murot ist sein Doppelgänger Walter Boenfeld verheiratet, hat ein Autohaus und wird bald, nachdem die beiden "Zwillinge" einen gemütlichen Abend mit viel Wein verbracht und ihre Klamotten und Brieftaschen getauscht haben, mit voller Absicht auf der Landstraße überfahren (zur Sicherheit sogar zwei Mal).

Viel Wert auf Realismus braucht man hier nicht legen

Was nach Verwirrspiel klingt, schreitet gemächlich voran und ist, wie bei so vielen Tatorten, die es etwas experimenteller versuchen, eine Sache des guten Willens: Viel Wert auf Realismus braucht man hier nicht zu legen. Gut beraten ist, wer sich treiben lässt wie Felix Murot selbst. Der beschließt nämlich, sich eine Zeit lang - die ultimative Urlaubserfahrung, wenn man so will - das Leben seines Doppelgängers überzustreifen, samt Hawaiihemden, Goldkettchen - und Ehefrau (sehr schön in gestreiften Hemdkleidern und subtil verrückt: Anne Ratte-Polle). Dabei nimmer er in Kauf, dass die Kollegen denken, er, Murot, sei tot.

Die einzige Figur in diesem Tatort, die die Bodenhaftung zu behalten scheint, ist Murots Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp). Erst nach der vermeintlichen Beerdigung ihres Chefs klärt der sie über den Rollentausch auf. Wächter reagiert - einer der wenigen flotteren Dialoge in diesem sehr träumerischen Drehbuch von Grzegorz Muskala und Ben Braeunlich - angemessen. Trotzig und rührend beschließt sie (als sie fertig geprügelt hat): "Zu Ihrer richtigen Beerdigung komm ich nicht, das ha'm Sie jetzt davon!"

Ob er jetzt noch Felix Murot ist, oder doch schon ein anderer, die Frage beschäftigt den Kommissar sichtlich mehr als die Suche nach dem Mörder seines Doppelgängers.

Ulrich Tukur glänzt jedenfalls in beiden Rollen, als zaghafter Eigenbrötler, den er seinem Tatort-Kommissar eingeschrieben hat, und als in jedem Sinne spiegelbildlicher, weil lauter und leutseliger Walter Boenfeld. Und so lange sich Tukur nicht auf eine Rolle festlegen muss - wer sagt, dass Felix Murot das tun müsste?

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ/ebri/hy
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