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Talkmaster Morgan und der Murdoch-Skandal:Der letzte einer Generation brutaler Chefredakteure

Es gibt ein Foto. Es zeigt ihn mit seinen Freunden Rebekah Brooks und Andy Coulson und damit eine ganze Generation besonders junger und brutaler, von Murdoch vorangebrachter Londoner Chefredakteure. Brooks und Coulson sind über die Abhöraffäre der News of the World gestürzt, nur Morgan, der die Leitung des Blattes im Alter von 28 Jahren übernahm, scheint sich bislang entziehen zu können. Soll nur er nichts gewusst haben? Ging es unter seiner Führung, vor allem beim Mirror, gesitteter zu? Oder hat sich Morgan bloß rechtzeitig vom Boulevard abgesetzt?

Fehler erlaubte er sich oft, Kritik nahm er übel

Im Trio der damaligen Macher wirkte Morgan weniger kalt als Coulson und weniger doppelzüngig als Brooks. Er war der größte Selbstdarsteller unter ihnen. Das verraten allein seine Memoiren, die er 2005 unter dem Titel The Insider veröffentlichte. Held dieser Chronik eines "skandalösen Jahrzehnts" ist Morgan selbst. Wie er Politiker herausfordert, wie er Stars Geständnisse abringt, wie er jede Privatheit einreißt, wie er darüber staunt, wie arrogant, beleidigend und blöd er ist, selbst gegenüber mächtigen Männern wie Murdoch, die ihn einmal gefördert haben. Zuweilen ist Morgan zwar zu Selbstironie fähig: So beschreibt er, wie er seine Redaktion um Zitate großer Spanier bittet und ersticktes Gelächter auslöst mit dem Vorschlag, bei Mussolini zu beginnen.

Häufiger aber feiert Morgan die Genialität von Morgan. Sein Scoop war es, einen Reporter in den Buckingham-Palast einzuschmuggeln, der sich zwei Monate lang als Lakai ausgab und anschließend verraten konnte, dass die Cornflakes der Königin in Tupperschalen serviert werden. Morgan beobachtete morgens im Fernsehen, wie seine Aufklärung die Branche erbeben ließ, und er liebte jede Sekunde. Dann bestellte er die Fernsehteams in sein Büro, um zu erklären, er habe bloß Sicherheitslücken im Königshaus anprangern wollen. "Besser", schwärmte Morgan in seinem Tagebuch, "kann das Leben nicht werden."

Natürlich war das Leben nur so lange toll, wie er andere bloßstellte. Fehler und Peinlichkeiten erlaubte sich Morgan als Chef des Mirror oft, Kritik aber nahm er den Kritikern übel. Im Jahr 2000 kaufte er Aktien einer Firma, die dann in einer Mirror-Kolumne empfohlen wurde. Es folgten jahrelange Untersuchungen gegen Morgan, der stets beteuerte, von der Drucklegung dieser Kolumne nichts gewusst zu haben.

Auch das Investigativblatt Private Eye kritisierte ihn. Der Chef des Magazins, Ian Hislop, erzählte später: Morgan habe als Vergeltung eine sechsmonatige Vendetta gegen ihn losgetreten und ihn auf Schritt und Tritt von Reportern verfolgen lassen. Bei der Fußball-EM 1996 druckte Morgan am Tag des Halbfinals Deutschland-England den Titel, der Deutschland den "Fußball-Krieg" erklärte und unter der Schlagzeile "Achtung! Surrender" zur Kapitulation aufforderte. Am nächsten Tag empörte sich nicht nur England über die Verharmlosung des Weltkriegs, doch Morgan wunderte sich nur, wo denn alle ihren Sinn für Humor gelassen hätten.

2004 musste er den Mirror verlassen, weil er gefälschte Fotos gedruckt hatte. Auf denen sei angeblich zu sehen gewesen, wie britische Soldaten irakische Gefangene misshandelten. Als brauchbares Vermächtnis Morgans aus dieser Zeit bleibt sein konsequenter Widerstand gegen den Irak-Krieg, der sein Verhältnis zum damaligen Premier Tony Blair schwer belastete. Ob Morgans innere Motive mit Überzeugung oder Populismus zu tun hatten, ist unklar.

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