SWR-Tatort "Happy Birthday, Sarah" Rotz und Wasser

Sarah (Ruby O. Fee) im Verhör: Der SWR-Tatort erzählt eine Sozialgeschichte.

Im Stuttgarter "Tatort" dreht sich alles um Sarah, ein Prekariatskind mit haselnussartigem Jungmädchenblick. Die Kommissare Lannert und Bootz ermitteln in einer Sozialgeschichte, angesiedelt zwischen den Extremen. Sehenswert ist vor allem die junge Darstellerin.

Von Holger Gertz

Ein Jugendclub, muffelige Gesichter in Großaufnahme, darüber liegt "Paint it black" von den Stones. Den Song hat die Hauptfigur im Ohr, sie heißt Sarah Baumbach, ist noch 13 Jahre alt und also nicht strafmündig. Das ist wichtig für die Geschichte. Sarah ist ein Prekariatskind. Sarah kombiniert Seidenunterwäsche mit Schlabberjogginghose. Sarah hat diesen haselnussartigen Jungmädchenblick, den man aus dutzenden Tatorten kennt, Erotik wird am Sonntagabend gern über Teenies transportiert, die Kaugummi kauen und "Fuck you" sagen.

Aber Sarah ist vielschichtiger als die gewöhnliche Eye-Catcherin. Ihre Darstellerin heißt Ruby O. Fee, und sie bringt sehr sehenswert Laszivität mit Wut zusammen, Durchlässigkeit mit Härte. Wenn je eine Rotz und Wasser geheult hat, dann diese hier.

Regisseur Oliver Kienle erzählt eine Sozialgeschichte, angesiedelt zwischen den Extremen. Hanglage und Höllenfeuer. Dort klimpern Eiswürfel im Glas, da kläfft ein Riesenhund in der Zweizimmerwohnung - der nur gehorcht, wenn ihm jemand Hallöle rüberschwäbelt. Ein Sozialarbeiter liegt tot auf dem Klo, den Kopf in der Toilettenschüssel.

Die Pointen sind behutsam gesetzt

Solch ein Tatort kippt schnell ins kalkuliert Betroffene, aber Kienle und Autor Wolfgang Stauch halten alles in der Waage. Sarah ist nicht nur verloren, sie ist auch voll Energie. Die Sozialarbeiter sind souverän genug, mit ihrem Image zu spielen. "Was sagt ein arbeitsloser Sozialarbeiter zu einem Sozialarbeiter, der Arbeit hat? - Eine Currywurst mit Pommes, bitte." Solche Herzlichkeiten werden beiläufig eingestreut, die Pointen sind behutsam gesetzt, wenn die Alten reden.

Und bei den Jungen klingt jede Zeile griffiger als das gesamte Skript der verzweifelt auf Jugendlichkeit gebürsteten Erfurt-Folge neulich. Im Verhör spricht Sarah über ihre Angst vor einem Mann: "Ich habe mich gefühlt wie im Film, wenn das Monster nochmal hochkommt."

Nur manchmal kriegt das Ganze etwas Bemühtes, wenn der alleinerziehende Kommissar Bootz die verlorenen Seelen im Jugendclub gedanklich in Beziehung setzt zu seinen eigenen Kindern. Aber Kollege Lannert, der alles gesehen und alles erlebt hat, spielt es weg. Gemeinsam streichen die beiden die Wände in Bootz' Wohnung und beweisen, dass Spurensicherungsklamotten nicht nur bei der Spurensicherung hilfreich sind. Auch das kann man sich ansehen.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr