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Streamingdienste:Auf Kosten der Qual

Pressebild Disney-Serie "The Mandalorian" , 2. Staffel

Wilder Westen: Der Mandalorian (Pedro Pascal, Mitte) in der gleichnamigen "Star Wars"-Serie ist eines der härtesten Verkaufsargumente für Disney+.

(Foto: Disney+)

Anbieter wie Netflix und Disney+ machen einander heftige Konkurrenz. Die Zuschauer weichen wieder auf illegale Plattformen aus: Warum die Streamingbranche nicht so weitermachen kann.

Von Nicolas Freund

Die Filmindustrie hat ein Problem. In Deutschland sind die Kinos seit Monaten geschlossen, ebenso in vielen anderen Ländern. Ob eine Öffnung im Juli, wie von der Branche gefordert wird, die große Wende bringen wird, ist sehr fraglich. Obwohl manche Kinofilme auf Streamingdienste wie Netflix und Amazon Prime Video auswichen, konnten diese die finanzielle Lücke der Filmindustrie aber nur bedingt ausgleichen - und das liegt auch an ihrem eigenen Geschäftsmodell.

Denn große Filmproduktionen ohne eine Kinoauswertung zu finanzieren, wäre theoretisch natürlich möglich. Technisch sind die digitalen Infrastrukturen seit Jahren gegeben, und es gibt eine grundsätzliche Zahlungsbereitschaft für rein digitale Inhalte. Nur stehen sich inzwischen Zuschauer und Filmstudios gegenseitig im Weg. Die Studios versuchen nämlich seit Kurzem vermehrt, mit eigenen Streamingdiensten die auch ohne Pandemie schwächelnden Kinoeinnahmen auszugleichen. Der Disney-Konzern, zu dem auch 20th Century Fox, Lucasfilm (Star Wars) und die Marvel Studios gehören, hat bereits seinen eigenen Streamingdienst gestartet. Andere Studios wie Paramount wollen bald nachziehen. Dazu gibt es das Angebot von Netflix, Prime Video, Apple TV+, Magenta, Mubi und vielen anderen, die teils die Inhalte der großen Hollywood-Studios lizensieren, aber auch eigene Filme und Serien produzieren. Für die Zuschauer ein nie da gewesenes Angebot - und eine Herausforderung für den Geldbeutel. Denn natürlich hat fast jeder dieser Dienste diese eine, gerade super angesagte Serie im Programm. Wer als Zuschauer bei allem, worüber gesprochen wird, auf dem Laufenden bleiben möchte, kann inzwischen problemlos 50 Euro und mehr im Monat für Streamingdienste ausgeben. Denn inzwischen gibt es manche Serien wie The Mandalorian, die Star-Wars-Serie von Disney+, wirklich nur bei einem einzigen Dienst und sonst nirgends außer auf illegalen Plattformen zu sehen.

Inzwischen beschweren sich viele, nicht für vier oder mehr Dienste zahlen zu wollen

Bei Prime Video und Netflix, die zusammen je nach Abo zwischen 14 und 26 Euro im Monat kosten, haben die Zuschauer noch mitgemacht. Inzwischen beschweren sich viele, nicht für vier oder mehr Dienste zahlen zu wollen, schon alleine, weil auch oft die Zeit fehlte, diese Inhalte dann alle entsprechend zu nutzen. Seit Beginn der Pandemie sind die Abo- und Zugriffszahlen der Streamingdienste deutlich gewachsen, aber auch die Piraterie von Inhalten hat im vergangenen Jahr wieder deutlich zugenommen.

Die britische Branchenseite Muso wertete zum Beispiel die Zugriffe auf die üblichen Seiten zum illegalen Streaming und Download von Filmen aus. In Deutschland sind die Zugriffe im vergangenen Jahr um 36 Prozent angestiegen, in manchen anderen Ländern wie Spanien und Italien sogar um 50 und 66 Prozent. Auswertungen von Branchendiensten zeigten, dass gerade die exklusiven Serien der Streamingdienste am häufigsten illegal gestreamt werden, so hat inzwischen The Mandalorian das Fantasy-Epos Game of Thrones als begehrtestes Format abgelöst. Andere sehr gute Serien laufen dagegen bei den weniger erfolgreichen Streamingplattformen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie zum Beispiel Roadkill mit Hugh Laurie über einen populistischen britischen Politiker, die in Deutschland bei Magenta TV geradezu versenkt wurde.

Diese Rückkehr zur Filmpiraterie und das Verschwinden mancher eigentlich sehenswerter Formate in der Bedeutungslosigkeit sind ein Indiz dafür, dass viele Zuschauer nicht bereit sind, für nur eine Serie einen Streamingdienst zu abonnieren. Das ist verständlich. Aber die Erwartungen der Zuschauer, bei einem einzelnen Anbieter für zehn Euro alles sehen zu können, sind auch unrealistisch. Diese Erwartungen hat nur leider die Industrie jahrelang geschürt. Denn die Preise, die für Abos verlangt wurden, waren von Beginn an zu niedrig angesetzt. Die Streamingdienste folgten der Strategie, die auch andere Techfirmen, von Google und Facebook bis zu Uber und Amazon verfolgen: Möglichst schnell zu wachsen und ein exponentielles Wachstum zunächst nicht beim Umsatz, sondern bei den Nutzern zu generieren. Ökonomen nennen das nachfrageorientierte Skaleneffekte, was so viel besagt wie: Viele Nutzer bringen noch mehr Nutzer. Die Rendite komme dann, wenn erst das Monopol oder Quasimonopol hergestellt ist.

Vor allem Amazon hat diese Strategie vorgemacht. Obwohl der Konzern inzwischen auch eigene Güter und mediale Inhalte produziert, ging es zu Beginn vor allem darum, möglichst gewinnbringend das zu verkaufen, was andere hergestellt haben. Amazon brauchte nur die Server und den Versand zu tragen. Ähnlich bei Uber, wo die Fahrer ihr eigenes Auto benutzen, die Straßen schon da sind und das Unternehmen wirklich nur noch die digitale Infrastruktur zur Verfügung stellt.

Für Anbieter wie Netflix wird es schwieriger, auf die Inhalte anderer zuzugreifen

Wie in anderen Bereichen auch zeichnet sich nun aber ab, dass dieses Modell nicht so einfach auf die Filmbranche anwendbar ist, vor allem nicht, wenn es kein Monopol gibt, sondern einen Markt mit starker Konkurrenz. Denn für Anbieter wie Netflix wird es schwieriger, auf die Inhalte anderer zuzugreifen, wenn die Studios lieber einen eigenen Dienst betreiben. Und das Produzieren eigener Filminhalte ist teuer und aufwendig, was die rasante Wachstumsstrategie der Plattformen unterläuft.

Nun hat sich die Branche in die missliche Lage manövriert, wegen der hohen Kosten für Filmproduktionen nicht so billig davonzukommen wie andere Tech-Branchen. Zugleich sind die an kostenlose oder sehr günstige Netzinhalte gewöhnten Zuschauer oft nicht dazu bereit, einen höheren Preis für ihre Lieblingsserien und -filme zu bezahlen. Die Pandemie ist nicht das Hauptproblem der Filmbranche. Wie in anderen Bereichen auch, verschärft sie nur, was schon vorher problematisch war.

Am Ende verlieren wohl alle: Die Anbieter saugen sich gegenseitig aus, die illegal streamenden Zuschauer betrügen sich selbst um ihre künftigen Inhalte, die wegen der Einnahme-Ausfälle nicht produziert werden können, und die Filmschaffenden stehen schon jetzt zwischen den Fronten, denn die kreativen Freiheiten, die es für Künstler bei den Streamingdiensten vor ein paar Jahren noch gab, sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Der Druck auf alle Beteiligten wächst, und sicher ist vor allem eins: Es wird in jedem Fall teurer werden.

© SZ/hy
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