Stockfotos Das ganze Spektrum

Ausnahmsweise mal nicht die alten Klischees: Ein typisches Foto aus dem Angebot von "Broadly".

(Foto: Gender Spectrum Collection)
  • Wer in Stockfoto-Bibliotheken nach Bildmaterial sucht, trifft dabei oft auf Geschlechter-Stereotype
  • Eine größtenteils kostenlose Sammlung des Portals Broadly will das ändern.
  • Dort werden ausschließlich nichtgenderkonforme Menschen abgebildet.
Von Meredith Haaf

Geht es in einem Zeitungs- oder Magazintext um Frauen und Management, sind auf dem Bild dazu häufig hochhackige Pumps neben Aktentaschen zu sehen. Geht es um Chefs, Ärzte, Professoren, zeigen Bilder überdurchschnittlich oft Männer im Kittel und am Pult. Die Fotos, mit denen Themen medial bebildert werden, die sich mit Geschlechterrollen beschäftigen, zeigen deutlich: Die alten Stereotype über Frauen und Männer sind weiter sehr präsent. Meist stammen diese Bilder von Bildagenturen wie Getty, Imago oder Shutterstock, die zu bestimmten Schlagworten Fotos zur Verfügung stellen, und mit denen Redaktionen, aber auch Werbeagenturen und andere Kommunikationsdienstleister arbeiten, wenn es nichts Konkretes zu fotografieren gibt oder das Budget dafür nicht reicht.

Um ausgewählt zu werden, sollen Stockfotos die Erwartungen ihrer Betrachter erfüllen, also nicht unbedingt überraschen oder herausfordern. Sie müssen kommerzielle Erfolge versprechen. Das ist ein Grund dafür, warum man in der Stockfotografie eine Gruppe praktisch nie sieht: transidente Menschen, also solche, die sich weder als Frau noch als Mann bezeichnen. Selbst Transgender-Themen werden in der Regel mit Symbolbildern wie Regenbogenflaggen illustriert, sehr selten sieht man auch das Porträt einer Trans-Person vor schlichtem Hintergrund. Nun hat sich Broadly, die feministische Publikation aus dem betont unkonventionellen Medienhaus Vice, des Problems angenommen, jedenfalls sieht es danach aus. Kürzlich stellte die Webseite ihre neue "Gender Spectrum Collection" vor, eine frei zugängliche und größtenteils kostenlose Bilderbibliothek, die das Leben von gender-nichtkonformen Menschen in ihrer Vielfalt zeigt. Damit wolle man "ein neues Paradigma der Sichtbarkeit einläuten", heißt es.

Stockfotografie ist nicht der Grund stereotypen Denkens, sondern ihr Ergebnis

Auf den Bildern sieht man nun nicht eindeutig geschlechtsidentifizierte Menschen in Alltagssituationen: "Eine nicht-binäre Managerin und ihr transmännlicher Mitarbeiter diskutieren" oder "Ein genderfluider Arzt untersucht seine weibliche identifizierende Patientin", heißt es in den Infos zu den Bildern. Sie stammen alle von einem Fotografen, sehen tendenziell inszeniert und überzeichnet aus. Aber die abgebildeten Menschen geben den Situationen - "Paar streitet sich vor dem Fernseher", oder "Familie picknickt im Park" - einen interessanten Anstrich. Möglicherweise liegt darin aber auch die Krux, wie Giorgia Aiello, Kulturwissenschaftlerin an der University of Leeds feststellt. Sie forscht seit Jahren zu Stockfotografie und hat auch die Gender-Darstellung bei Getty, der mächtigsten Bildagentur der Welt, untersucht. Sie sieht das Potenzial der Broadly-Sammlung für "Organisationen und Medien, die ernsthaft daran interessiert sind, den Status und das Leben von trans- und nicht-binären Menschen zu verbessern". Gleichzeitig, sagt sie, bediene die Kollektion selbst kommerzielle Interessen eines Medienkonzerns, dessen zentrales Verkaufsargument ist, die Avantgarde kultureller und gesellschaftlicher Bewegungen zu bedienen: "Das ist auch ein Instrument, als Konzern das Image als gegenkulturelle Medienmacher aufrechtzuerhalten."

Die Online-Galerie mit ihren etwa 150 Bildern wird die Darstellungswelt wohl kaum revolutionieren. Auch weil Stockfotografie nicht der Grund stereotypen Denkens ist, sondern dessen Ergebnis. Die Ursache sitzt also anderswo. Aber das Angebot ist eine Art optische Auszeit von immer gleichen Repräsentationen - ein Blick hinein kann anstrengend, erleichternd oder tröstlich sein.

Zeitgeist Die Genderfrage ist in der Phonetik angekommen

Deutsche Sprache

Die Genderfrage ist in der Phonetik angekommen

Das Binnen-I wird immer häufiger als eine kurze Pause mitten im Wort mitgesprochen. Was macht das mit unserer Sprache?   Von Felix Stephan