"The Stand" auf Starzplay:Pandemie ohne Dramaturgie

The Stand

Rockstar Larry Underwood hat in New York Rita getroffen. Sind sie die einzigen Überlebenden in der Stadt?

(Foto: CBS)

Die Verfilmung von Stephen Kings "The Stand" über eine Grippe-Pandemie hätte die Serie der Stunde sein können. Wenn sie nur nicht so zerfahren erzählen würde.

Von Nicolas Freund

1978 war für globale Pandemien noch Stephen King zuständig. Ein tödliches Virus hatte damals ungefähr den Status einer biblischen Plage und changierte im kollektiven Unbewussten, mit dem sich King ziemlich gut auskennt, irgendwo zwischen Strafe Gottes und Science-Fiction. Ist es also sehr gutes oder sehr schlechtes Timing, wenn ausgerechnet jetzt, mitten in der Corona-Pandemie, eine Neuverfilmung des Romans The Stand von Stephen King startet, in dem die USA von einem Grippevirus entvölkert werden? Ist es einfach geschmacklos oder die schonungslose Gesellschaftskritik, die wir gerade brauchen?

The Stand, 1978 erstmals erschienen und 1990 erweitert, hat unter den Stephen-King-Fans eine ganz eigene, fanatische Gefolgschaft, was einerseits wahrscheinlich daran liegt, dass in dem Roman mehr als ein Dutzend Charaktere viele Hundert Seiten lang eingeführt werden, bevor dann die Seuche viele Hundert Seiten lang wüten darf. King schrieb einmal, er werde noch immer regelmäßig gefragt, wie es dieser oder jener Figur nach dem Ende der Geschichte ergangen sei, als handele es sich um Freunde von ihm.

Andererseits hat die treue Anhängerschaft wahrscheinlich auch damit zu tun, dass The Stand so etwas wie ein amerikanisches Epos ist, ein Mythos der Vereinigten Staaten, wie ihn auch Neil Gaiman mit American Gods und King selbst noch einmal mit The Dark Tower schreiben wollte. Eine soziale Tiefenbohrung, getarnt als Horror-Story.

Es geht tief hinab in ein gesellschaftliches Unbewusstes der Vereinigten Staaten

Wie tief es hier ins amerikanische, gesellschaftliche Unbewusste geht, wird erst klar, nachdem das Virus in der Geschichte langsam abgeflaut ist und unter den Überlebenden ein Kampf zwischen Gut und Böse entbrennt, durchzogen von christlichen Motiven, verziert mit viel Americana und Popkultur, sowie im Kern beseelt von amerikanischem Konkurrenzdenken und der puritanischen Vorstellung, hinter jedem Baum könne der Teufel lauern.

Den spielt in The Stand Alexander Skarsgård. Randall Flagg heißt er in der Serie, oder einfach der "Mann in Schwarz", eine Art personifiziertes Böses, das durch viele Werke Kings spukt. Skarsgård gibt ihm das Charisma eines schmierigen Autohändlers. In der Dark-Tower-Verfilmung von 2017 spielte Matthew McConaughey die Rolle so böse und bedrohlich, dass Skarsgård wahrscheinlich einen anderen Zugang finden musste. Seiner ist halt nur leider ziemlich langweilig.

"The Stand" auf Starzplay: Wirkt etwas schräg: Die alte, weise Abigail, gespielt von Whoopi Goldberg.

Wirkt etwas schräg: Die alte, weise Abigail, gespielt von Whoopi Goldberg.

(Foto: CBS Interactive)

Die anderen, möglicherweise von Gott auserwählten Überlebenden, darunter ein Hörgeschädigter, eine schwangere Studentin und ein Rockstar, werden von der alten, weisen, schwarzen Abigail (Whoopi Goldberg) angeführt, die den Menschen in ihren Träumen erscheint.

Das eigentliche Problem der Serie ist aber ein anderes als diese Stereotype. Wie heute jeder weiß, haben Pandemien eine Art Dramaturgie. King baute in dem Roman Hunderte Seiten lang eine Gesellschaft, die das Virus dann langsam zusammenbrechen und in eine asketische Klarheit übergehen lässt, um die ganz großen Fragen zu klären. Die Serie erzählt aber, wie viele Serien heute erzählen: nicht chronologisch und sprunghaft, als könne man dem Zuschauer nicht zutrauen, sich länger als drei Minuten auf einen Handlungsstrang zu konzentrieren. In den ersten Episoden werden Zeit, Ort und Figuren wild durcheinandergeworfen, wer den Roman nicht kennt, wird kaum alles verstehen. Warum sich die Serie selbst des grandiosen Spannungsbogens der Vorlage beraubt, bleibt ein Rätsel.

Denn die Figuren sind gut getroffen, die Inszenierung ist angemessen dramatisch, die gesellschaftliche und pandemische Überhöhung gegeben. Auch ist das Ganze nicht so geschmacklos, wie man befürchten könnte: Selbst wenn der Rockstar Larry Underwood in einem Krankenhaus in New York zwischen Leichensäcken mit Opfern des Grippevirus seine kranke Mutter sucht, kostet die Serie die Pandemie nicht aus. Sie zeigt, was eine Katastrophe mit den Menschen macht und welche sozialen Probleme sie freilegt. The Stand hätte die Serie der Stunde sein können, wenn sie ihrer eigenen Geschichte getraut hätte.

The Stand, auf Starzplay.

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