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Stefan Raabs "Free ESC":Fernseh-Trost vom deutschen Kontinent

´Free European Song Contest" auf ProSieben

Helge Schneider reüssiert beim "Free ESC" auch als Udo Lindenberg.

(Foto: Willi Weber/dpa/Pro Sieben)

Bei Stefan Raabs alternativem "Eurovision Song Contest" trifft TV-Total-Gaga auf Gala-Garderobe. Wer hier für welches Land antritt - nicht so wichtig an diesem Abend. Helge Schneider sorgt für Begeisterung - und einen Schockmoment.

Von Marlene Knobloch

Einiges wird uns nach dieser Pandemie begleiten. Desinfektionsmittel, Sauerteig, der Business-bis-zum-Bildrand-Look. Und der "Free European Song Contest", kurz "Free ESC", auf Pro Sieben, den der nicht stillhaltende Ruheständler Stefan Raab letztes Jahr ins Leben rief, als Trost für den 2020 ausgefallen "Eurovision Song Contest". Damit bleibt der geimpften deutschen Sofanation auch 2021 eine Show, die vier Stunden lang zwischen Nullerjahre-Humor und IDM-Dance-Party, zwischen Gala-Glamour und Castingshow-Proll, zwischen Star-Seriosität Amy MacDonald und DSDS-Atze Pietro Lombardi schwankt - und man torkelt halt mit.

Auf Twitter postet jemand noch frisch geschnittene Gürkchen und Karöttchen mit Dip auf dem Fernsehtischchen, da taucht schon Helge Schneider im Bild auf. In den leeren Zuschauerreihen von einem einzelnen Spot angestrahlt eröffnet er den Free ESC mit seiner zärtlichen Ballade aus dem letzten Jahr "Forever At Home". Und mit der Schocknachricht, es sei sein letzter Auftritt im deutschen Fernsehen. Die Gürkchen fliegen fassungslos vom Teller, die Twitterkinnladen klappen runter. Aber, das sei verraten, es war nicht Helge Schneiders letzter Auftritt.

Die beiden Moderatoren Conchita Wurst und Steven Gätjen balancieren den Abend zwischen mauen Stichel-Gags und ehrwürdiger Glitzer-Show, die den echten Eurovision Song Contest in seinen guten Momenten ausmacht und nach denen man sich ja sehnt: Hymnen, Fahnen, Welt. Gerade Conchita Wurst behält, wechselnd in schwarzen Samt, gelbem Tüll und korallenrotem Bonbonpapier gekleidet, den Kopf elegant über dem schwappenden Ludolfs-suchen-Schwiegertochter-Pannenshow-Privatfernseher-Schlamm.

Dass die Künstler wirklich live singen, beweist spätestens der zweite Act Mandy Capristo, nicht zuletzt als sie spontan zwischen zwei Gesangsparts euphorisch in die 18 000 leeren Sitzplätzen schreit: "Köln, wo seid iiihr?"

Die Idee des europäischen Wettbewerbs - nicht so wichtig

Der Ex-Monrose-Star singt für Italien in Halbdeutsch. Denn wer warum wie für welches Land antritt, ist nicht so wichtig an diesem Abend.

Während Amy MacDonald als gebürtige Schottin für Schottland auf der Bühne steht, verliert sich bei einigen Auftritten die Idee des europäischen Wettbewerbs. Deutschland verschwimmt zu einem Kontinent, dem ein paar mehr Sprachen nicht geschadet hätten. Jasmin Wagner alias Blümchen etwa reimt für Kroatien im Refrain: "Reden ist Silber, lieben ist Gold. Ein Herz wie deins hab ich immer schon gewollt." Und der Beitrag von Ex-Eisblume-Mitglied Sotiria, die für Griechenland mit der Hook antritt "Ich sag meinem Herz, Herz, Herz, dass es dich nicht mehr lieben darf, doch es hört nicht auf, auf, auf", hätte in der griechischen Übersetzung noch an Qualität gewinnen können.

Die Einspieler-Filmchen für die Länder helfen nur bedingt aus dem Deutschland-Zentrismus: Die aus "TV Total" bekannte dödelige Achtung-das-ist-Humor-Stimme führt mit Popel-, Pups- und Pannenwitzen durch alle Klischees und Stereotype. Mit Bier in der Hand und Raabschem Grinsen stapft man durch Europa: In den Niederlanden wird gekifft, die Türken essen viel Döner und die Franzosen, das weiß der Deutsche, frittieren Froschschenkel.

Die für die Türkei antretende Sängerin Elif liefert den gehaltvollsten Auftritt des Abends. Mit einem blau geschminktem Veilchenauge und schwarzem Catsuit singt sie in ihrem Song "Alles Helal" über Gewalt gegen Frauen und über starre religiöse Regeln in der Türkei. Da klingen an diesem Abend nach Dancefloor-Synthies und Herzschmerz-Terzen plötzlich andere Intervalle durch, Ambivalenzen zwischen eigenem Glauben und dem Wunsch nach Freiheit.

Wer darf für Deutschland antreten?

Aber nach diesem kurzen Ausflug in den Inhalt, zurück zu den wichtigen Fragen, nämlich: Wer tritt für Deutschland an? Die Moderatoren hüteten das Geheimnis streng während der Show. Die Bild-Zeitung hatte vorab ihre besten Investigativ-Reporter eingeschaltet und orakelte, nach ihren Informationen solle es sich um "Die Prinzen" handeln. Manch einem Twitter-User entfuhr ein hoffnungsvolles Jauchzen, es könnte Stefan Raab höchstpersönlich sein.

Doch da schlurft ein Udo Lindenberg auf die Bühne. Nicht persönlich, sondern es ist Helge Schneider, der sich schon öfter in seiner Karriere als geeigneter Lindenberg-Imitator erwiesen hat. Helge-Udo lässt das Mikrofon über den Boden kratzen, nuschelt den Refrain "Lass sie labern die Schwachmaten". Nur die Twitter-Gemeinde ist nicht ganz besänftigt, aller Abschiedsschmerz vergessen. Helge Schneider - schon wieder?

Den Sieg holt Rea Garvey für Irland, was angesichts manch willkürlicher Punktevergabe ("Meine Schwester ist aus Schottland, deswegen zwölf Punkte für Schottland") aber egal ist. Denn wie am Ende da Amy MacDonald, der Modern-Talking-Verschnitt "Fantasy", der verschrobene Helge Schneider, Jasmin Wagner und die anderen Teilnehmer in Landesflaggen gehüllt auf ihren Drehstühlen sitzen und hin und her schaukelnd lauschen, als aus Mallorca die Punkte für Griechenland und aus Grassau am Chiemsee die Punkte für Spanien verkündet werden, verschwimmen die Glamour-Kategorien, die Flaggen und die Sinnfragen. Auch, wenn der ESC 2021 wieder stattfindet - Trost braucht man immer noch.

© SZ/gal/lot
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