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ZDF Neo:Gaga-Kompositum der Woche

Studio Schmitt

Oberflächlich, aber mit Potenzial: Tommi Schmitt ist Gastgeber der ZDF-Neo-Show 'Studio Schmitt'.

(Foto: ben knabe/ZDF und ben knabe)

Tommi Schmitt, erfolgreicher Comedy-Autor und Podcaster, hat jetzt eine eigene, nach ihm benannte Late-Night-Show: "Studio Schmitt".

Von Cornelius Pollmer

In Fernsehdeutschland kann man sich auf viele Dinge verlassen, am meisten aber darauf, dass die erste Folge einer Late-Night-Show vor Ausstrahlung stets so lange und so intensiv problematisiert wird, bis das Ergebnis wirklich allen zumindest kurz unangenehm ist.

Auch gewöhnliche Feiglinge unter den Zuschauerinnen und Zuschauer werden zu Gaffern mit Guillotinen, wenn mal wieder jemand ankündigt, sich am Format verheben zu wollen, und ihre funktionsbereiten Fallbeile funkeln am ungeduldigsten auf Twitter, wo Richterinnen und Henker in Echtzeit urteilen. Insofern ist dem Unterhalter Tommi Schmitt zunächst zu gratulieren, mit der Premiere von Studio Schmitt am Donnerstag auf ZDF Neo haben er und sein Publikum vermutlich das Schlimmste überstanden.

Der 32-jährige Schmitt, der früher hauptsächlich als Comedy-Autor arbeitete und mit Felix Lobrecht unter dem Titel "Gemischtes Hack" den erfolgreichsten deutschsprachigen Podcast unterhält, ist selbst ein Fernsehnostalgiker. Als solcher weiß er um die ganze Vor- und Krankengeschichte des Formats Late Night, er hat sie zuletzt in Interviews wie auch in seinem Podcast thematisiert und wortreich das betrieben, was man Erwartungsmanagement nennt. Am schönsten hatte Schmitt das Ziel für seine Sendung in der auch sonst oft sehenswerten Show "World Wide Wohnzimmer" formuliert. Was er sich vorstelle, sagte Schmitt, sei eine "schöne ruhige halbe Stunde, hinten links auf ZDF Neo".

Es fehlt dem Moderator noch an gelebter Freiheit und Selbstvertrauen, es fehlt auch noch an Dramaturgie

Bis dahin ist es noch ein Weg, aber ein gangbarer. Sehr gelungen an der Premiere ist der Auftakt im Sinne des mit Zitaten gespickten, vorab bereits veröffentlichten Trailers. Im zweiten Bild dieses Trailers steht Schmitt an einer Supermarktkasse, die Warentrenner sind mit "Deutsches Kulturgut" beschriftet. Im weiteren Verlauf des Films haben der Fußballspieler Christoph Kramer und der Dauerläufer Kai Pflaume kleine Auftritte - dem Podcast-Publikum erschließen sich all diese Reverenzen sofort, sonstigem Publikum womöglich nur bedingt. Tommi Schmitt prallt in diesem Trailer schließlich auf eine Garderobe, er stürzt in sie hinein und fällt aus ihr verwandelt wieder heraus, als hätte sich gerade Marijke Amados Zauberkugel aus der Mini Playback Show noch einmal geöffnet, um dem erwachsenen Herrn Schmitt einen Traum des kleinen Tommi zu erfüllen. Im goldenen Anzug steht Schmitt jetzt da, der als Cameo bereitstehende Armin-Laschet-Sohn Joe richtet ihm die goldene Krawatte. Kann losgehen.

Nicht gelungen an der Premiere ist der Auftakt im Sinne des Stand-ups. Schmitt hetzt ohne Timing durch zu viele Gags, er wechselt vom Du ins Sie in der Ansprache, es gibt mal eingespielten Applaus, dann aber lange, gnadenlose Totenstille. Man könnte das aus Sicht des Publikums als Cringe-Watching beschreiben, müsste man das nicht wieder ellenlang erklären. Es fehlt, auch in der Folge, dem Moderator noch an gelebter Freiheit und Selbstvertrauen, es fehlt auch noch an Dramaturgie. Das ist erstens überhaupt nicht schlimm - aber zweitens interessant, weil das sonderbare Format Late Night es einmal mehr begünstigt, einen Host zunächst ab- und einzukochen. Die Liste ist lang und führt so große Namen wie den der Unterhaltungskünstlerin Anke Engelke. Und jetzt schlingert eben auch Schmitt und wirkt in der Fernsehgartensparte ZDF Neo gleich etwas kleiner, als er ausweislich seines Lebenslaufs ist. Muss nicht so bleiben.

Hier will und kann es einer schaffen, aber nicht mit Waffengewalt

Auch im Stand-up stimmen ja schon einige Zeilen, man kriegt es nur kaum mit, etwa dann, wenn Schmitt im Trash-TV ein "Mc-Fit-Kalifat" erkennt, in dem anders als bei ihm manche Frauenfingernägel "länger als die Lebensläufe" seien und es "Typen mit einem Wortschatz wie 'n Camp-David-Hemd" gebe. Auch die auf Bild fingerzeigende Rubrik "Das Gaga-Kompositum der Woche" könnte sich durchsetzen. Folge eins, der "Po-Schock".

Neben vielem, was rumpelt, verpufft, irgendwie schief sitzt, zeigt schließlich auch der Gesprächsteil der Sendung, dass Schmitts Ansatz, dem jeweiligen Gast viel Zeit einzuräumen, funktionieren könnte. Zwar riecht es zunächst unangenehm nach Cross-Promo, dass Premierengast der Sendung Sabine Rückert ist, stellvertretende Chefredakteurin der Zeit und damit jener Wochenzeitung, die Schmitt gerade erst ganzseitig interviewt hatte. Aber Interesse und die manchmal fast schon viel zu nette Zugewandtheit Schmitts begünstigen dieses Gespräch genauso wie die Schlagfertigkeit Rückerts. Es bleibt zwar alles noch recht oberflächlich, aber manchmal muss man Potenzial auch dann sehen können, bevor es sich entfaltet wie ein schönes Hemd auf dem Bügelbrett.

Und überhaupt wird man erst noch in Ruhe die ganzen Zitate Schmitts herausrechnen müssen, um einen echten Seheindruck in den weiteren Sendungen zu erhalten. Man sieht ja inzwischen wirklich all die Fernsehheiligen aus Walhalla in jeder zweiten Geste. Am Anfang der Sendung senkt Schmitt beruhigend die Hand wie einst Stefan Raab ("Wir haben doch keine Zeit!"), in der schnellen Stehfragerunde mit Sabine Rückert ("Welche Farbe hat der Wind?") ist zwingend eine ehrerbietende Kopie des Schriftstellers und zwischenzeitlichen Late-Night-Moderators Benjamin von Stuckrad-Barre zu erkennen.

"Liebe Grüße an alle", sagt Schmitt am Ende, wie er es oft auch in seinem Podcast sagt. Hier will und kann es einer schaffen, aber nicht mit Waffengewalt.

© SZ/rjb
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