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Intendantenwahl beim SR:"Wir sind Europa"

"Wir sind Europa, die Frankreichversteher, die mit der interkulturellen Kompetenz, und das nicht nur, wenn die Tour de France vorbeikommt", sagt Noch-Intendant Thomas Kleist.

Der Saarländische Rundfunk ist wegen der fehlenden Beitragserhöhung von der Insolvenz bedroht. Und generell ein sehr eigener Kosmos.

Von Matthias Drobinski

Da steht ein Schloss auf dem Halberg, der Saarbrücken überragt. Römische Legionäre bauten hier einen Tempel, Graf Ludwig Kraft von Nassau-Saarbrücken ein barockes Lustschlösschen; der Eisenfabrikant Carl Ferdinand von Stumm-Halberg schließlich jenen neugotischen Bau, der seitdem sehr verschiedene Bewohner hat kommen und gehen sehen: die Nazi-Ideologen vom Reichssender Saarbrücken, nach dem Krieg den französischen Generalgouverneur, seit 1959 den jeweiligen Intendanten des Saarländischen Rundfunks (SR). Dessen Funkhaus steht neben dem alten Gemäuer.

In der kommenden Woche soll eine neue Bewohnerin, ein neuer Bewohner des Schlosses bestimmt werden. Ende April scheidet SR-Intendant Thomas Kleist vorzeitig aus dem Amt - eigentlich wäre seine Amtszeit noch bis Ende Juni 2023 gelaufen. Im Dezember ist Kleist 65 Jahre alt geworden, er hat das Amt seit bald zehn Jahren inne, und 2021 beginnt eine neue Rundfunkbeitragsperiode. Der Abschied falle ihm "unsagbar schwer", hat Kleist dem Rundfunkrat und dem Verwaltungsrat geschrieben, aber es sei wichtig, dass seine Nachfolgerin, sein Nachfolger genügend Zeit habe, um sich innerhalb der ARD eine gute Position zu erarbeiten, die dem Sender die Zukunft sichert.

Thomas Kleist

Der Abschied falle ihm "unsagbar schwer", schrieb Thomas Kleist zum Abschied.

(Foto: SR/Cora Staab)

Womit die Grundsorge angesprochen wäre, die nicht nur den Intendanten umtreibt. Dass da immer mehr mächtige Menschen fragen: Braucht es das noch, diesen Saarländischen Rundfunk? Oder kann man den irgendwo eingliedern? Nach Radio Bremen ist der SR mit 544 fest Beschäftigten und knapp 200 freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der zweitkleinste Sender innerhalb der ARD. Es ist über die Sorge einer kleinen Rundfunkanstalt hinaus die Grundsorge der kleinen und finanzschwachen Bundesländer überhaupt: dass der große Sog der Zentralisierung sie hinwegreißen könnte. Und im Namen der Effizienz vernichten, was regional eigen- und einzigartig ist.

Jede Reform müsse "hin zum Besseren führen"

Im Januar erst hat Kai Gniffke, der Intendant des benachbarten Südwestrundfunks (SWR), vorgeschlagen, seinen und den saarländischen Rundfunk weitgehend zu vereinen, von der Vermarktung bis zur Studio-Nutzung, ohne die Marken- und Programmautonomie aufzugeben. "Ich sehe zwei Sender, die füreinander bestimmt sind", hat er gesagt; die Liebeserklärung ist im Saarland aber als Drohung angekommen. Und dass Gniffke Anfang Februar nachlegte, er habe für seinen Vorschlag innerhalb der ARD viel Zustimmung erhalten, hat auf Schloss Halberg die Zuneigung nicht vergrößert.

Dabei sind die Finanzen für den Saarländischen Rundfunk wie für Radio Bremen tatsächlich prekär, seit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) die Zustimmung zur Erhöhung des Rundfunkbeitrags um 86 Cent pro Haushalt auf Eis gelegt hat. Mit dem damit verbundenen Staatsvertrag sollte auch der ARD-interne Finanzausgleich zugunsten der beiden kleinen Sender neu geregelt werden. Am 12. Februar beschloss immerhin die ARD, die Ausgleichsmasse zu erhöhen und dafür den Sportrechte-Etat nicht anzuheben. Der Sender kann weiter hoffen, das kommende Jahr mit einem kleinen Überschuss von 900 000 Euro abzuschließen, bei einem Gesamtetat von knapp 130 Millionen Euro.

Bedenkt man dies alles, trifft man im Videogespräch einen überraschend gut gelaunten Noch-Intendanten Thomas Kleist. Mit dem Kai von nebenan arbeite er ja gut zusammen, und es gebe doch schon eine Menge Kooperation zwischen den Sendern, beim Dritten Fernsehprogramm, beim Radio für junge Hörerinnen und Hörer, seit 2006 das bislang einzige senderübergreifende Orchester. Aber jede Reform müsse "hin zum Besseren führen", sagt er, und das sehe er bei einer weitgehenden Fusion nicht, "wir sparen vielleicht 50 Stellen von 23 000 in zehn Jahren und machen dafür unsere föderale Struktur kaputt".

Und dann ist Kleist bei den Stärken dieser föderalen Struktur und damit denen seines Senders. Wie nahe man bei den Hörerinnen und Hörern in der Region sei in diesem besonderen Land, das es erst seit dem Versailler Vertrag von 1919 gibt, das mal Frankreich und mal Deutschland war und nie nur das eine und immer auch das andere. Provinz? Kleist lacht und sagt: "Wir sind Europa, die Frankreichversteher, die mit der interkulturellen Kompetenz, und das nicht nur, wenn die Tour de France vorbeikommt - das können wir, das kann sonst keiner."

Geldsorgen - aber deswegen gleich den Optimismus verlieren?

Klar, da gebe es Herausforderungen, sagt Kleist. Das Publikum des Fernsehprogramms, das im Schnitt jenseits des Rentenalters ist. Die Herausforderungen des crossmedialen Zeitalters - Themen so anzugehen, dass sie fürs Radio wie fürs Fernsehen wie fürs Internet samt Instagram taugen, kostenbewusst produziert, aber ohne den Kulturauftrag zu verraten. Die Geldsorgen. Aber deswegen gleich den Optimismus verlieren?

Fragt man ein bisschen herum, gibt es durchaus kritischere Einschätzungen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren sei der Saarländische Rundfunk innovativ gewesen, habe als erste Anstalt mit Videoclips experimentiert, heißt es im Sender - das sei erlahmt im Anstaltsalltag, das könne nun neu wiederentdeckt werden. Andere Kritiker verweisen darauf, dass die Kooperation zwischen dem NDR und Radio Bremen weiter entwickelt sei als die zwischen SR und SWR. Spötter nehmen den "größten saarländischen Rundfunk der Welt" aufs Korn und die Selbstdarstellung als Marktführer an der Saar: Kein Wunder, wenn sonst keiner da ist.

Themen, mit denen sich Kleists Nachfolgerin oder Nachfolger herumschlagen muss. Zwei Männer und eine Frau hat der Wahlvorbereitungsausschuss vorgeschlagen: Armgard Müller-Adams, die SR-Chefredakteurin, Martin Grasmück, den stellvertretenden Programmdirektor, und den ARD-Chefredakteur Rainald Becker. Becker ist der bekannteste der drei, Müller-Adams und Grasmück wiederum gehören zu den vergleichsweise jungen Führungskräften, die Tempo und Innovation mit ins Schloss auf dem Halberg bringen könnten.

Wer es wird, sollen am 22. Februar die 39 Frauen und Männer aus Politik und Gesellschaft entscheiden, die den Rundfunkrat bilden, in nichtöffentlicher Prozedur: In den ersten sechs Wahlgängen braucht es eine Zwei-Drittel-Mehrheit, ab dem siebten Wahlgang dann die einfache Mehrheit der Stimmen. Der SR hat die Saarlandhalle, in der die Wahl pandemiekonform stattfindet, schon gleich für den 23. Februar mitreserviert. Auch Kleist benötigte 2011 einen zweiten Wahltag.

© SZ/ebri
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