"Spiegel" trennt sich von Wolfgang Büchner "Die Stimmung ist am Boden"

All das hat dem Spiegel geschadet, der wertvolle Zeit verloren hat, während er auf die wichtigste Veränderung seit Jahren zusteuert. In gut einem Monat, am 10. Januar 2015, wird das Magazin seinen Erscheinungstag von Montag auf Samstag vorverlegen. Stand der Vorbereitungen: fraglich. Der Streit um den Reformer hat lebenswichtige Reformen blockiert. Die Leute beim Spiegel sind von dem Machtkampf zermürbt, und trotzdem sind sie nun vor allem erleichtert, dass die Hängepartie vorbei ist. In manchen Ressorts knallten am Donnerstagabend die Sektkorken. Nachfolger wird nun der Mann, der faktisch seit Monaten das Blatt führt und längst als Chef im Machtvakuum agierte, während Büchner sich auf die Annäherung von Print und Online konzentrieren wollte. Spekuliert wird, ob Brinkbäumer sich traut, eine Frau in die Chefetage zu holen. Auch steht die Frage an, ob die Journalisten bei Spiegel Online endlich Zugang zur Mitarbeiter KG erhalten. Ob also die Kluft zwischen Print und Online schwindet. Die Einbindung von Florian Harms, 1973 in Stuttgart geboren und seit zehn Jahren bei Spiegel Online, in die Chefredaktion deutet vielleicht darauf hin, dass künftig auch die Onliner von der Rendite profitieren könnten.

Der Spiegel Schnappatmung
Führungsschwäche in Magazinverlagen

Schnappatmung

Wer sind wir - und warum immer weniger? Dass die Nachrichtenmagazine "Spiegel", "Stern" und "Focus" gleichzeitig ihre Krisen kultivieren, deutet auf eine ansteckende Krankheit hin.   Von David Pfeifer und Ralf Wiegand

Was nun verfügt wurde, zeigt, wie prekär die Lage war: Als Nachfolger Büchners tritt einer seiner kommissarischen Vorgänger an. Zusammen mit dem von Büchner geschassten Martin Doerry leitete Klaus Brinkbäumer den Spiegel ein halbes Jahr lang. Mit dieser Vorgeschichte verkauft man keine Aufbruchs-Story, das sprach aus Sicht der Gesellschafter lange gegen Brinkbäumer. Ein Externer fand sich aber nicht. Weder für den Posten des Geschäftsführers noch für den des Chefredakteurs sei draußen jemand zu begeistern, heißt es bei einem Gesellschafter: "Der Zirkus, der in Hamburg öffentlich ausgetragen wird, hat die Suche praktisch unmöglich gemacht."

Wer will Dompteur in einem Zirkus werden, in dem die Tiger dem Vorgänger den Kopf abgebissen haben?

Lob für den neuen Chefredakteur

Im Vorstand von G + J hatte sich schlussendlich die Auffassung durchgesetzt, dass eine starke Marke Spiegel im Digitalen immer mit der publizistischen Wucht und dem Renommee des gedruckten Nachrichtenmagazins zu tun hat, wofür der Kisch-Preisträger Klaus Brinkbäumer zweifelsohne steht. Beim Spiegel zog sich G + J zuletzt auf die Position zurück, als Minderheitsgesellschafter wolle man trotz Sperrminorität nicht das Veto ziehen. Aber klar wird beim Spiegel nur entschieden, was auch Gruner will. Verlagschefin Julia Jäkel muss nach Kündigungen im eigenen Haus mit dem Aufruhr dort klarkommen.

Über Brinkbäumer heißt es in der Redaktion nun lobend, er sei "kein Spiegel-Rambo" und führe "nicht durch Einschüchterung und Angst, sondern durch Lob". Seit 2011 war Brinkbäumer stellvertretender Chefredakteur des Spiegel, für den er seit 1993 arbeitet. Er war Reporter in Krisengebieten und New-York-Korrespondent des Magazins, zuvor schrieb er über Sport, etwa bei der Münchner Abendzeitung. In seiner Jugend spielte er erfolgreich Volleyball beim USC Münster. Brinkbäumer gilt als herausragender Journalist mit Gespür für das Blatt und Rückhalt in der Reaktion. Eigenschaften, über die Büchner nicht verfügte.

Von dem bleibt am Ende nur das Missverständnis. Im November lobte er via Twitter die "schöne Antwort" des Tesla-Gründers auf die Frage von Autobild, ob er damit gerechnet habe, erfolgreich zu sein? "Nein, ganz im Gegenteil", zitiert Büchner Elon Musk. "Ich hatte erwartet zu scheitern. Ich glaube an den Satz: 'Wer nicht scheitert, war nicht innovativ genug.'" Sein eigenes Twitter-Profil änderte Büchner am Donnerstag prompt. Wo lange "Editor-in-Chief" stand, heißt es nun mit Samuel Beckett: "Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better." Was für ein Goodbye.