Süddeutsche Zeitung

"Spiegel" trennt sich von Wolfgang Büchner:Der Machtkampf ist vorbei

Wolfgang Büchner verlässt den "Spiegel", die Eskalation als Führungsprinzip ist gescheitert. Auch Geschäftsführer Ove Saffe geht, neuer Chefredakteur wird Klaus Brinkbäumer. Und Büchner? Verabschiedet sich via Twitter.

Von Claudia Fromme, Kristina Läsker und Claudia Tieschky

Wolfgang Büchner ist am Ende zwar nicht der Spiegel -Chefredakteur mit der kürzesten Dienstzeit geworden, aber sicher der mit dem längsten Abgang. Der 48-Jährige verlässt das Nachrichtenmagazin zum Jahresende "im gegenseitigen Einvernehmen", wie der Spiegel am Donnerstag mitteilte; auch Geschäftsführer Ove Saffe, 53, geht.

Fast ist man versucht zu sagen: endlich.

Etwas mehr als 15 Monate lang war Büchner im Amt, und von dieser kurzen Zeit waren weite Strecken bestimmt von öffentlichkeitswirksamen Resolutionen der Printredaktion und des Betriebsrats, dass das mit Büchner nichts mehr werden kann. Vielleicht sogar: nie werden konnte. Wenn ein Ressortleiter am Tag des Rauswurfs (nichts anderes ist es), bilanziert, "Es war von Anfang an ein Missverständnis", dann zeigt das einmal mehr, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen Redaktion und Chef war.

Über die Nachfolge werde in Kürze entschieden, heißt es in der Spiegel-Mitteilung. Die Lösung steht fest, kann aber noch nicht verkündet werden: Klaus Brinkbäumer, 47 Jahre und bisher Spiegel-Vize, wird als neuer Chefredakteur in einer Art Doppelspitze zusammen mit dem bisherigen stellvertretenden Online-Chefredakteur Florian Harms arbeiten - mit getrennten Zuständigkeiten und Aufgabenbereichen, wobei Brinkbäumer aber klar die publizistische Hoheit haben soll. Aus den Erfahrungen mit der gescheiterten Doppelspitze Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron hat man beim Spiegel gelernt. Sie hatten sich nicht auf ein Digitalkonzept und einen Kurs einigen können. Die aktuelle Vertragsgestaltung ist darum kompliziert und könnte nach Informationen aus Gesellschafterkreisen bis Weihnachten dauern.

Warum dauerte der Abgang so lange?

Warum es bis zu Büchners Ende so lange dauerte? Sicher auch, weil die Gesellschafter ihr Gesicht wahren wollten. Immerhin hatten sie den einstigen Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur als Reformer geholt. Stets hatte Geschäftsführer Saffe dessen Pläne verteidigt, auch bei einer Betriebsversammlung am Dienstag. Und nicht zuletzt hat Büchner auch dann noch gelächelt und nicht hingeworfen, als die Gesellschafter längst einen Nachfolger suchten und Redakteure ihm gesagt haben sollen: "Merken Sie nicht, dass wir Sie nicht wollen?"

Seit vergangener Woche hat er dem Vernehmen nach um die Modalitäten des Auflösungsvertrages gerungen. Saffe aber, der sein Schicksal früh mit dem Büchners verbunden hatte, wollten die Gesellschafter halten. Auch wenn sie daran Anstoß nahmen, dass er bei offensichtlichen Fehlentscheidungen Büchners dem neuen Mann nicht genug ins Gewissen redete.

Saffe bleibt, bis sein Nachfolger gefunden ist, geht aber spätestens im Sommer.

Der erste und entscheidende Riss im Verhältnis zur Redaktion kam mit der Berufung des Bild-Manns Nikolaus Blome in die Chefredaktion Ende August 2013. Da war Büchner noch nicht mal im Amt, und schon setzte er die Personalie gegen den massiven Widerstand der Redaktion durch. Dass Blome eine lustige Talkshow mit Jakob Augstein beim Sender Phoenix hat, machte ihn beim Spiegel noch lange nicht salonfähig.

Der Stil für die Amtszeit war also vorgegeben: Eskalation als Führungsprinzip.

Weitere Eklats folgten, zuletzt der Plan, alle Ressortleiterposten neu auszuschreiben und für Print und Online zusammenzulegen. Büchner deklarierte es als Aktion, um Print und Online für sein umstrittenes Konzept "Spiegel 3.0" besser zu verzahnen; in der Printredaktion sahen viele es als Versuch, die schärfsten Kritiker unter den mächtigen Ressortchefs loszuwerden.

Es ist aber auch so, dass Büchner nicht als Hüter der alten Ordnung geholt wurde - sondern mit der Aufgabe, den Spiegel zu verändern. So etwas führt nicht zwingend zu Euphorie bei den Etablierten.

Das wirklich Überraschende an der Ära Büchner ist, wie verheerend sie alle Beteiligten beschädigt hat: den scheidenden Chefredakteur, der in einem quälend langen Prozess von den Gesellschaftern aus dem Posten geschoben wurde. Beschädigt ist die Redaktion, die über den Streit in Parteien zerfiel, die - mehr noch als gegeneinander - darum kämpfte, was der Spiegel künftig sein soll. Selbst in der mit Büchner sympathisierenden Onlineredaktion sagte einer am Donnerstag: "Es ist gut, dass es vorbei ist. Den Karren konnte keiner mehr aus dem Dreck ziehen." Beschädigt sind auch die Gesellschafter: Mitarbeiter KG (50,5 Prozent), Gruner + Jahr (25,5) und Augstein-Erben (24) wollten dastehen wie besonnene Besitzer, nicht wie Getriebene aufständischer Journalisten - und zauderten.

"Die Stimmung ist am Boden"

All das hat dem Spiegel geschadet, der wertvolle Zeit verloren hat, während er auf die wichtigste Veränderung seit Jahren zusteuert. In gut einem Monat, am 10. Januar 2015, wird das Magazin seinen Erscheinungstag von Montag auf Samstag vorverlegen. Stand der Vorbereitungen: fraglich. Der Streit um den Reformer hat lebenswichtige Reformen blockiert. Die Leute beim Spiegel sind von dem Machtkampf zermürbt, und trotzdem sind sie nun vor allem erleichtert, dass die Hängepartie vorbei ist. In manchen Ressorts knallten am Donnerstagabend die Sektkorken. Nachfolger wird nun der Mann, der faktisch seit Monaten das Blatt führt und längst als Chef im Machtvakuum agierte, während Büchner sich auf die Annäherung von Print und Online konzentrieren wollte. Spekuliert wird, ob Brinkbäumer sich traut, eine Frau in die Chefetage zu holen. Auch steht die Frage an, ob die Journalisten bei Spiegel Online endlich Zugang zur Mitarbeiter KG erhalten. Ob also die Kluft zwischen Print und Online schwindet. Die Einbindung von Florian Harms, 1973 in Stuttgart geboren und seit zehn Jahren bei Spiegel Online, in die Chefredaktion deutet vielleicht darauf hin, dass künftig auch die Onliner von der Rendite profitieren könnten.

Was nun verfügt wurde, zeigt, wie prekär die Lage war: Als Nachfolger Büchners tritt einer seiner kommissarischen Vorgänger an. Zusammen mit dem von Büchner geschassten Martin Doerry leitete Klaus Brinkbäumer den Spiegel ein halbes Jahr lang. Mit dieser Vorgeschichte verkauft man keine Aufbruchs-Story, das sprach aus Sicht der Gesellschafter lange gegen Brinkbäumer. Ein Externer fand sich aber nicht. Weder für den Posten des Geschäftsführers noch für den des Chefredakteurs sei draußen jemand zu begeistern, heißt es bei einem Gesellschafter: "Der Zirkus, der in Hamburg öffentlich ausgetragen wird, hat die Suche praktisch unmöglich gemacht."

Wer will Dompteur in einem Zirkus werden, in dem die Tiger dem Vorgänger den Kopf abgebissen haben?

Lob für den neuen Chefredakteur

Im Vorstand von G + J hatte sich schlussendlich die Auffassung durchgesetzt, dass eine starke Marke Spiegel im Digitalen immer mit der publizistischen Wucht und dem Renommee des gedruckten Nachrichtenmagazins zu tun hat, wofür der Kisch-Preisträger Klaus Brinkbäumer zweifelsohne steht. Beim Spiegel zog sich G + J zuletzt auf die Position zurück, als Minderheitsgesellschafter wolle man trotz Sperrminorität nicht das Veto ziehen. Aber klar wird beim Spiegel nur entschieden, was auch Gruner will. Verlagschefin Julia Jäkel muss nach Kündigungen im eigenen Haus mit dem Aufruhr dort klarkommen.

Über Brinkbäumer heißt es in der Redaktion nun lobend, er sei "kein Spiegel-Rambo" und führe "nicht durch Einschüchterung und Angst, sondern durch Lob". Seit 2011 war Brinkbäumer stellvertretender Chefredakteur des Spiegel, für den er seit 1993 arbeitet. Er war Reporter in Krisengebieten und New-York-Korrespondent des Magazins, zuvor schrieb er über Sport, etwa bei der Münchner Abendzeitung. In seiner Jugend spielte er erfolgreich Volleyball beim USC Münster. Brinkbäumer gilt als herausragender Journalist mit Gespür für das Blatt und Rückhalt in der Reaktion. Eigenschaften, über die Büchner nicht verfügte.

Von dem bleibt am Ende nur das Missverständnis. Im November lobte er via Twitter die "schöne Antwort" des Tesla-Gründers auf die Frage von Autobild, ob er damit gerechnet habe, erfolgreich zu sein? "Nein, ganz im Gegenteil", zitiert Büchner Elon Musk. "Ich hatte erwartet zu scheitern. Ich glaube an den Satz: 'Wer nicht scheitert, war nicht innovativ genug.'" Sein eigenes Twitter-Profil änderte Büchner am Donnerstag prompt. Wo lange "Editor-in-Chief" stand, heißt es nun mit Samuel Beckett: "Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better." Was für ein Goodbye.

Journalist statt Change-Manager

Das Missverständnis Büchner war, so sehen es viele Journalisten auf der Ericusspitze, dass ein Mann ans Steuer des wichtigsten deutschen Nachrichtenmagazins gesetzt wurde, der sich seine Meriten vor allem damit verdient hat, als Chefredakteur die dpa aus den roten Zahlen zu bringen, digitale Dienste zu etablieren, einen Umzug von Hamburg nach Berlin zu organisieren - und dort sauber durchzuregieren. Das funktioniert beim Spiegel mit seinen basisdemokratischen Strukturen aber nicht.

Vor allem fiel irgendwann offensichtlich doch noch auf, dass an die Spitze des Spiegel - einst der Ort für großen, kritischen Journalismus in der BRD - ein Journalist gehört und nicht ein Change-Manager.

Die Kultur des Spiegel war oft nicht wirklich nett zu den Beteiligten, sie war schon immer besonders, und sie hat besonderen Journalismus hervorgebracht. "Wir sind wir und der Rest sind Friseure", hieß es beim Spiegel früher, wenn man beschrieb, was die eigene Truppe so zu bieten hatte. Guter Journalismus braucht Selbstbewusstsein, beim Spiegel hatten sie schon immer etwas mehr. Was davon ist noch übrig?

Kein Laden wie alle anderen

Auf digitale Erlöse müssen auch die Redakteure beim Spiegel erst eingestellt werden. Büchner und Saffe haben versucht, das unter dem Codenamen "Eisberg" von oben zu verordnen. Manche Redakteure sagen, Büchner habe inhaltlich "so gut wie keine Duftmarke gesetzt". Er soll mit skurrilen Titel- und Themenvorschlägen aufgefallen sein, auf Spiegel-Leute machte er den Eindruck, ihrer intellektuellen Kultur fremd zu bleiben - und eben wohl auch: sie schleifen zu wollen. Vielleicht hat er unterschätzt, dass der Spiegel kein Laden ist wie alle anderen, ein Chefredakteur ist dort, so hat es Rudolf Augstein gewollt, immer auch in gewissem Maße Angestellter seiner Redaktion. Auf Dauer kann kein Spiegel-Chefredakteur die Redaktion zum Feind haben. "Unerträglich" sei die Situation zuletzt gewesen, sagt einer aus der Redaktion.

De facto hat die Redaktion gerade ihren Chefredakteur beseitigt. Das ist dramatisch, aber auch typisch Spiegel. Büchner war nicht typisch Spiegel, er war ein Redaktionsmanager, der Mann der Stunde in einer von Umsatzrückgängen bedrohten Branche. Auch die Mitarbeiter des Spiegel schauen genau auf die Zahlen, weil sie von den Erlösen profitieren, und ein Unternehmen, das nicht aufs Geld schaut, ist sowieso Unsinn. Beim Spiegel ist jetzt trotzdem das Konzept gescheitert, an die Spitze der Redaktion einen Manager zu setzen, der nicht ebenso publizistisch überzeugt.

Vielleicht ist das für den Journalismus sogar die gute Nachricht.

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SZ vom 05.12.2014/mkoh
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