Shows im Fernsehen:Im Fernsehen wird so viel gespielt wie nie zuvor

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'Klein gegen Groß - Das unglaubliche Duell'

Auch Mareile Höppner und Kai Pflaume quizzren, als wäre es gestern gewesen.

(Foto: Jörg Carstensen / picture alliance / dpa)

Als vor zwei Jahren "Wetten, dass ..?" eingestellt wurde, galt das als das Ende der deutschen Fernsehshow. Von wegen!

Von Ralf Wiegand

Ach ja, die gute, alte Zeit. "Wie ein Familienfest" sei es jedes Mal, wenn sie bei Verstehen Sie Spaß? eingeladen sei, seufzte Paola Felix vergangenen Samstag und schwärmte dann, minutenlang, von früher. Kurt Felix, ihr verstorbener Gatte, hat die Verlade-Sendung vor 36 Jahren erfunden, zunächst fürs Schweizer Fernsehen, da hieß sie noch Teleboy, und später in der bundesdeutschen Variante, seit vergangener Woche wird die deutsche Produktion auch in der Schweiz ausgestrahlt. Fast könnte man glauben, es sei wirklich wie früher: Halb Europa sitzt am Samstag Abend vor dem Fernseher und schaut dieselbe große Familienshow.

Nur: Wie kann das sein? Ist das Eine-Show-für-alle-Prinzip nicht schon vor Jahren beerdigt worden, per Staatsbegräbnis sogar nach dem zutiefst betrauerten Ableben von Wetten dass ..? im ZDF vor ziemlich genau zwei Jahren?

Mit dem Showsterben ist es in etwa so wie mit dem Waldsterben: Im Grunde dürfte da draußen kein einziger Baum mehr stehen. Eine ganze Generation ist mit der Gewissheit aufgewachsen, saurer Regen werde ihr in naher Zukunft ein Leben in der Steppe einbrocken. Über die Fernsehshow kam der saure Regen in Person eines gewissen Markus Lanz. Der Mann, dessen Talk im ZDF derzeit erfolgreicher ist als jemals zuvor, steht in den Annalen als Totengräber von Wetten dass . . ?. Auch ein bisschen schuld, so war 2014 stets zu hören, seien ein gewisser Zeitgeist und das Internet. "Verändertes Sehverhalten" hieß die Diagnose, das Ende des Lagerfeuer-Fernsehens und der Familiensendung für Oma, Papa und die Kinder.

Und heute? Heute ist das Fernsehen ein Spiel ohne Grenzen - auf los geht's los, nur einer wird gewinnen. Die Sender sind spielsüchtig geworden. An diesem Samstag kürt das ZDF mal wieder den Quiz-Champion, in einer großen Rateshow mit Johannes B. Kerner. Zweieinhalb Stunden zwischen 20.15 Uhr und Heute Journal, wie übrigens schon am vergangenen Donnerstag. Im Ersten lief in den vergangenen Wochen gleich mehrmals zur Primetime Hirschhausens Quiz des Menschen. Die Spiele-Sprechstunde mit dem TV-Arzt Eckart von Hirschhausen, in der Prominente schon mal gegen Stützstrümpfe kämpfen, ist mit Vor- und Endrunden ausgewalzt wie ein Plätzchenteig.

Im ZDF durfte der Wissenschafts-Experte Dirk Steffens seine Experimente-Spielshow Mich täuscht keiner auch gleich zweimal hintereinander moderieren. Jörg Pilawa präsentiert am 12. November (wie schon am 1. Oktober) Spiel für Dein Land, jeweils drei Stunden aus dem TV-Thermomix für die Zutaten Raten und Spielen. Und bei RTL lief im vergangenen Sommer gleich an fünf Abenden innerhalb von vier Wochen Ninja Warriors Germany, eine Sportshow, bei der es einen Hindernis-Parcours zu bewältigen gilt. Mehr als 200 Kandidaten hangelten sich durch die immer gleiche Halle - ein Kinder-Tobeparadies für Erwachsene in Endlosschleife.

Es ist wie im Märchen vom süßen Brei. Die Unterhalter scheinen einen Zaubertopf gefunden zu haben, der auf das Kommando "Töpfchen, koch!" unaufhörlich die gleiche Pampe produziert. Der Befehl, mit dem der Bottich zum Aufhören zu bewegen wäre, ist verloren gegangen.

Die Sendungen mit Quiz, Wissen und Streichen wollen alle sehr unterschiedlich sein, und sehen doch exakt gleich aus: Das Show-Business kennt den hübschen Begriff des Shiny-Floor-Formats - glatte Shows auf spiegelnden Böden. Das Prinzip größtmöglicher Verwechselbarkeit.

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