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Regierungssprecher Wilhelm:Einluller mit Charme

Die sanfte Tour ist seine schärfste Waffe - und doch ist Regierungssprecher Ulrich Wilhelm äußerst beliebt bei der Berliner Journaille. Jetzt will er zurück an die Isar.

Es gibt in der Politik und natürlich auch im Journalismus Menschen, deren charakterliche Abnutzungserscheinungen nach einiger Zeit in Berlin beträchtlich sind. Ulrich Wilhelm ist nun seit viereinhalb Jahren Regierungssprecher von Angela Merkel, aber seinem freundlichen Wesen hat das nicht geschadet.

Wilhelms charmante Art erwidern viele Journalisten mit aufrichtiger Sympathie. Zugleich aber ist die sanfte Tour auch seine schärfste Waffe, weil er es durchaus versteht, noch den hartnäckigsten Frager liebenswürdig einzulullen.

Fast streberhaft

Ulrich Wilhelm, 48, gilt nun als Favorit für die Intendanz des Bayerischen Rundfunks, die nach dem angekündigten Rücktritt von Thomas Gruber zum 1. Februar 2011 neu zu besetzen ist. Wilhelm erfüllt dafür sowohl spezifisch bayerische Voraussetzungen, weil er 1961 als Sohn des langjährigen Landtagsabgeordneten und Staatssekretärs Paul Wilhelm quasi als CSU-Mitglied geboren wurde. Dank einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und gut zehn Jahren Arbeit unter anderem beim BR kann er aber auch auf professionelle Erfahrung verweisen. Und obendrein noch auf ein abgeschlossenes Jura-Studium.

1991 wechselte Wilhelm ins bayerische Innenministerium und wurde für viele Jahre einer der engsten Vertrauten von Edmund Stoiber. Im Bundestagswahlkampf 2002 fiel Merkels Aufmerksamkeit auf den unaufgeregten Berater des damaligen Kanzlerkandidaten. Nach ihrem Wahlsieg 2005 holte sie Wilhelm nach Berlin. An Stoiber erinnert neben den blonden Haaren vor allem noch Wilhelms bisweilen fast streberhaft anmutende Akribie. Handschriftlich fertigt er von vielen Gesprächen minutiöse Notizen an oder liest nächtens stundenlang Akten im Büro, wenn nicht die mit einem notorisch geringen Schlafbedürfnis ausgestattete Kanzlerin ihn und andere Mitarbeiter nach Abendterminen noch zum Plaudern überredet.

Bremser, Besänftiger und Anschieber

Bei Stoiber, dessen aufbrausendes Temperament Wilhelm köstlich imitieren kann, war er ein Bremser und Besänftiger. Bei Merkel, der nüchternen Fummlerin der Macht, muss er bisweilen schieben und drücken, jedenfalls wenn es darum geht, dass sie sich auch mal gegenüber den Medien erklärt. Loyalität, Fleiß und politische Klugheit haben Wilhelm längst über den Status des Sprechers hinaus zu einem von Merkels wichtigsten Beratern gemacht. In der großen Koalition schätzten auch SPD-Minister seinen Rat, in der schwarz-gelben Wunschkoalition fremdelt Wilhelm noch, womit er indes bekanntermaßen nicht alleine steht.

Ohnehin drängt es den Vater zweier Kinder, die bald das Elternhaus verlassen dürften, schon länger zurück zur Familie nach München. Im Sommer wird deshalb wohl so oder so Schluss sein in Berlin. Würde Wilhelm gewählt, hätte er zudem zwischen Regierungsamt und Intendanz mit einer Karenz von einem halben Jahr eine Mindestanforderung politischer Hygiene zu erfüllen. Merkel muss nun jemand anderes suchen, der selbst dann noch so einnehmend über ihre Politik redet, wenn sie es nicht verdient. Weil das schwierig wird, könnte Wilhelms Abschied eines Tages im Geschichtsbuch als Anfang vom Ende der Kanzlerin Merkel vermerkt werden.