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Propaganda im türkischen Fernsehen:Die Juden als Mörder ihres eigenen Propheten

Dirilis Ertugrul

Diese Serien (hier: Diriliş Ertuğrul) treffen bei großen Teilen des Fernsehpublikums einen nationalistischen Nerv.

(Foto: trt.tv)

Die "guten" Angehörigen der Minderheiten vermitteln unvoreingenommenen Zuschauern den Eindruck, die Autoren hätten ein Alibi gebraucht, um mögliche Rassismusvorwürfe widerlegen zu können. Doch der Historiker Dağlıoğlu, der sich intensiv mit der Serie auseinandergesetzt hat, stellt fest, dass der Sultan als Protagonist der Serie die Juden als Volk definiert, das seinen Propheten ermordet hat.

Dieser Rassismus ist das Hauptproblem der Serie: Die inneren Feinde und Verräter sind die jüdische und armenische Minderheit. Theodor Herzl, Vordenker des Zionismus ist Abdülhamids Gegenspieler. Er will Palästina vom Reich abspalten und den Staat Israel gründen.

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Die Autoren gehen dabei so weit, dass alle Juden des Landesverrats verdächtigt werden. Als Abdülhamid Theodor Herzls Vater begegnet, der keineswegs zionistisch denkt, sondern eine Verbundenheit zum Osmanischen Reich und dem Sultan empfindet, ist er überrascht: Er hätte nicht gedacht, dass es Juden gibt, die nicht an der Spaltung des Reichs und der Gründung Israels interessiert sind.

Über die 17 Folgen werden Juden immer als potenzielle Verräter gezeigt. Dağlıoğlu sieht darin eine Hasstirade, die eigentlich bestraft werden müsste. Ein Staatssender sollte "das friedliche Zusammenleben der gesamten Bevölkerung berücksichtigen".

Der Staatssender TRT ignoriert konsequent den Völkermord an den Armeniern

Auch der armenischen Minderheit wirft die Serie vor, mit ausländischen Staaten zu kooperieren, um einen eigenen Nationalstaat innerhalb der Grenzen des Reichs zu gründen. Eine bekannte Annahme: Der türkische Staat ist fest davon überzeugt, dass die Deportationen zwischen 1915 und 1918 notwendige Maßnahmen waren, weil die Armenier mit russischer Hilfe Aufstände organisiert hätten. In der Talkshow Gündem Ötesi, die sehr oft Themen der osmanischen Geschichte aufgreift, wurde der Völkermord in den bisherigen 113 Folgen nicht thematisiert.

Dafür kann man in TRT allerdings seltsame Kommentare hören: Als am 13. April 2017 im Uefa-Europa-League-Viertelfinalspiel zwischen Olympique Lyon und Beşiktaş Istanbul, welches von TRT live übertragen wurde, Fans randalierten, betonte der Kommentator des türkischen Staatsfernsehens, dass Lyon eine Gegend sei, in der sehr viele Armenier leben.

In der Türkei leben heute noch etwa 60 000 Armenier und auch etwa 25 000 Juden. Es sind also rund 85 000 Menschen, mit deren Steuergeldern TRT mitfinanziert wird. Doch der Staatssender betrachtet diese Vielfalt im eigenen Land offenbar nicht als Bereicherung, sondern als potenzielle Bedrohung.