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Propaganda im türkischen Fernsehen:Der Sultan, der das Hassen lehrt

Payitaht "Abdülhamid"

In Hochglanz-Serien wie Payitaht Abdülhamid werden Minderheiten als innere Feinde der Gesellschaft dargestellt.

(Foto: trt.tv)

Mit opulenten Serien und fragwürdigen Talkshows glorifiziert das türkische Staatsfernsehen TRT die Nation - und inszeniert Präsident Erdoğan als historischen Führer.

Für Sultan Abdülhamid II. besteht die Welt aus Gut und Böse. Gut, das sind er selbst und das Osmanische Reich, welches er regiert. Böse sind der christliche Westen und die nicht-muslimischen Minderheiten seines Landes. Das ist der Plot von Payitaht Abdülhamid (Hauptstadt Abdülhamid), einer Geschichtsserie im türkischen Staatsfernsehen, die vor allem ein Ziel verfolgt: Propaganda.

Payitaht Abdülhamid besteht bislang aus einer Staffel mit 17 Folgen in Spielfilmlänge. Die Laufzeit variiert zwischen 130 und 176 Minuten - eine übliche Dauer für türkische Fernsehserien.

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Die Autoren wollen offensichtlich Abdülhamid II., der bisher in intellektuellen Kreisen der Türkei umstritten war, posthum als großartigen Staatsmann würdigen. Die Macher der Serie behaupten zwar, dass 80 Prozent der Handlung auf historischen Tatsachen beruhen, doch der Historiker Emre Can Dağlıoğlu, der an der Clark University im US-Bundesstaat Massachusetts über die Legislaturperiode Abdülhamids promoviert hat, sieht in der Serie vor allem eine Metapher für das heutige Geschehen an der Staatsspitze: "Tatsächliche Ereignisse werden aus ihrer chronologischen Reihenfolge gerissen, um bessere Parallelen zur Gegenwart zu schaffen."

In der Tat ähneln der Serien-Abdülhamid und Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan einander sehr. Beide sind der Meinung, dass der Westen ihr Land schwächen und teilen will. Entsprechend muss der Sultan gegen zahlreiche Feinde und Verräter vorgehen. Dağlıoğlu sagte der SZ: "Man könnte meinen, Erdoğan ist eine Reinkarnation des Sultans aus der Serie."

Das türkische Staatsfernsehen TRT steht schon seit Langem in der Kritik, ein Sprachrohr der Regierung zu sein. Die türkische Gewerkschaft für Medienkommunikation- und Postmitarbeiter Haber-Sen etwa beschwerte sich schon 2014 bei der türkischen Regulierungsbehörde für den Rundfunk (RTÜK), weil TRT während des Wahlkampfs Partei für Erdoğans AKP ergriff. Serien wie Payitaht Abdülhamid oder auch Diriliş Ertuğrul (Auferstehung Ertuğruls) versuchen gar nicht erst, diese Kritik zu widerlegen. In Letzterer geht es um die vorosmanische Geschichte: Ertuğrul Gazi und sein Stamm kämpfen gegen die Grausamkeiten der christlichen Byzantiner und Tempelritter.

Die eigene Expansionspolitik wird verherrlicht

Wenn man der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung oder dem Staatsfernsehen Glauben schenkt, dann sind die Türken ein Volk, das immer allein an der Weltverbesserung interessiert war und ist. Dieser Annahme folgen auch sonstige Inhalte von TRT wie die Talkshow Gündem Ötesi (Jenseits der Tagesordnung).

Darin werden, wie der Name sagt, nicht alltagsrelevante, aber, wie es auf der Internetseite des Senders heißt, interessante Themen aus Religion, Wissenschaft, Symbolik oder Geschichte besprochen. In Wirklichkeit wird in Ausgaben mit geschichtlichem Inhalt aber die eigene Nation oder die eigene Staatspolitik glorifiziert.

So sind für die Macher und Gäste des Programms die Staaten, die im Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich unterwerfen wollten, imperialistisch. Die eigene Expansionspolitik bis ins 16. Jahrhundert wird in anderen Folgen hingegen verherrlicht.

Auch in Payitaht Abdülhamid ist der Staat heilig. Und den Unterschied zwischen Gut und Böse erkennt die Serie anhand der Loyalität zum Staat. Osmanische Minderheiten, die Interesse an einem eigenen Nationalstaat haben, sind böse. Nur wer nicht von der nationalen Unabhängigkeit träumt und dem Reich loyal ist, gilt als gut. Eine Auffassung, die im 21. Jahrhundert eigentlich veraltet sein sollte.

Die Juden als Mörder ihres eigenen Propheten

Dirilis Ertugrul

Diese Serien (hier: Diriliş Ertuğrul) treffen bei großen Teilen des Fernsehpublikums einen nationalistischen Nerv.

(Foto: trt.tv)

Die "guten" Angehörigen der Minderheiten vermitteln unvoreingenommenen Zuschauern den Eindruck, die Autoren hätten ein Alibi gebraucht, um mögliche Rassismusvorwürfe widerlegen zu können. Doch der Historiker Dağlıoğlu, der sich intensiv mit der Serie auseinandergesetzt hat, stellt fest, dass der Sultan als Protagonist der Serie die Juden als Volk definiert, das seinen Propheten ermordet hat.

Dieser Rassismus ist das Hauptproblem der Serie: Die inneren Feinde und Verräter sind die jüdische und armenische Minderheit. Theodor Herzl, Vordenker des Zionismus ist Abdülhamids Gegenspieler. Er will Palästina vom Reich abspalten und den Staat Israel gründen.

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Die Autoren gehen dabei so weit, dass alle Juden des Landesverrats verdächtigt werden. Als Abdülhamid Theodor Herzls Vater begegnet, der keineswegs zionistisch denkt, sondern eine Verbundenheit zum Osmanischen Reich und dem Sultan empfindet, ist er überrascht: Er hätte nicht gedacht, dass es Juden gibt, die nicht an der Spaltung des Reichs und der Gründung Israels interessiert sind.

Über die 17 Folgen werden Juden immer als potenzielle Verräter gezeigt. Dağlıoğlu sieht darin eine Hasstirade, die eigentlich bestraft werden müsste. Ein Staatssender sollte "das friedliche Zusammenleben der gesamten Bevölkerung berücksichtigen".

Der Staatssender TRT ignoriert konsequent den Völkermord an den Armeniern

Auch der armenischen Minderheit wirft die Serie vor, mit ausländischen Staaten zu kooperieren, um einen eigenen Nationalstaat innerhalb der Grenzen des Reichs zu gründen. Eine bekannte Annahme: Der türkische Staat ist fest davon überzeugt, dass die Deportationen zwischen 1915 und 1918 notwendige Maßnahmen waren, weil die Armenier mit russischer Hilfe Aufstände organisiert hätten. In der Talkshow Gündem Ötesi, die sehr oft Themen der osmanischen Geschichte aufgreift, wurde der Völkermord in den bisherigen 113 Folgen nicht thematisiert.

Dafür kann man in TRT allerdings seltsame Kommentare hören: Als am 13. April 2017 im Uefa-Europa-League-Viertelfinalspiel zwischen Olympique Lyon und Beşiktaş Istanbul, welches von TRT live übertragen wurde, Fans randalierten, betonte der Kommentator des türkischen Staatsfernsehens, dass Lyon eine Gegend sei, in der sehr viele Armenier leben.

In der Türkei leben heute noch etwa 60 000 Armenier und auch etwa 25 000 Juden. Es sind also rund 85 000 Menschen, mit deren Steuergeldern TRT mitfinanziert wird. Doch der Staatssender betrachtet diese Vielfalt im eigenen Land offenbar nicht als Bereicherung, sondern als potenzielle Bedrohung.