Studie der Otto-Brenner-Stiftung:Der Osten als massenmediale Problemzone

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Redaktionsgebäude 'Neues Deutschland'

Die einstige SED-Parteizeitung "Neues Deutschland" zielte lange auf ein Ostpublikum - westdeutsche Zeitungen verpassten da offenbar etwas.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Ostdeutsche lesen kaum überregionale Blätter, ergibt eine Studie. Woran liegt das?

Von Cerstin Gammelin

Die gute Nachricht vorweg: Im Osten bewegt sich medial was. Zwar hat die jüngste Studie der Otto-Brenner-Stiftung die Spezies des überregionale Tageszeitung lesenden Ostdeutschen als Rarität eingestuft und auf 49 Seiten eine Diagnose sowie Therapievorschläge unterbreitet. Das Besondere an der Studie allerdings ist, dass sie in den sozialen Medien lebhaft rezipiert wurde. Da ist ein Thema am Köcheln.

Der Befund des Arbeitspapiers über massenmediale Berichterstattung in Ost und West ist durchaus desaströs zu nennen, und zwar sowohl für die Zeitungsleser als auch die Zeitungsmacher. Ostdeutsche lesen kaum überregionale Blätter. Und gemacht werden diese im Osten auch (fast) nicht. Die Süddeutsche Zeitung liegt gemessen an der gesamten Auflage und ohne Berlin auf dem Schlussplatz in Ostdeutschland: nur 2,5 Prozent der Gesamtauflage werden zwischen Zittauer Gebirge und der Insel Hiddensee verkauft. Die FAZ liegt bei 3,4 Prozent, der Spiegel bei vier. Die Zeit sieht etwas besser aus, sie kommt immerhin auf sechs Prozent, was wohl ihrem Ableger Zeit im Osten geschuldet ist. "Bis heute erweist sich der Osten als massenmediale multiple Problemzone", schreibt der Autor Lutz Mükke, der selbst aus dem Osten kommt.

Okay, könnte man jetzt einwenden, dieser Befund entspricht den gängigen Klischees, der Osten ist eben anders. Wirklich? Es lohnt hier ein Blick in die Zeit 1989/1990, als, getrieben von der Euphorie des Aufbruchs, binnen weniger Monate 130 neue Publikationen herausgegeben wurden, eine urdemokratische Entwicklung. Mal abgesehen vom SED-Zeitungsmonopol hatte es in der DDR ohnehin viel zu lesen gegeben. Wie also wurde aus dem zeitungslesenden Ostdeutschen ein Nichtleser?

Ostdeutschland zu repräsentieren hätten sich die großen Zeitungen nie zur Aufgabe gemacht

Die Studie zeichnet in groben Zügen einige massenmediale Entwicklungen seit den Wendejahren nach, in denen alles marginalisiert wurde, was aus dem Osten kam; Intelligenz, Erfahrungen, Stimmen, Ideen und Utopien fanden keinen Widerhall. Stattdessen habe die Berichterstattung mit westdeutschem Blick in Schwarz-Weiß-Bildern stattgefunden - der Vertrauensverlust war schon angelegt, heißt es in der Studie, er habe "den Lügenpresse- und Staatsfunk-Rufer*innen Raum gegeben".

Die "diskursive Agilität", mit der überregionale Tageszeitungen in der alten Bundesrepublik Themen wie den Kalten Krieg, die Aufarbeitung der Nazi-Zeit oder das Verhältnis zur DDR bearbeitet und damit essentielle Integrationsleistungen erbracht hätten, habe es für den Osten nie gegeben. Im Westen fühlten und fühlen sich viele bis heute gut informiert und zum Diskurs dazugehörig. Aber Ostdeutschland zu repräsentieren hätten sich die großen Zeitungen nie zur Aufgabe gemacht, sondern Debatten weiter exklusiv auf die gebildeten Mittel- und Oberschichtenmilieus im Westen zugeschnitten - und damit die Ost-West-Trennung verstetigt.

So weit, so bekannt. Aber inzwischen geht es anders zur Sache. Qualität und Schärfe des Ost-West-Diskurses nehmen zu, heißt es in der Studie, es wird über Eliten debattiert, über das Wahlverhalten in den neuen Ländern, verstetigte Ost-Identitäten bei jüngeren Ostdeutschen und das zunehmend selbstbewusste Auftreten der Ostdeutschen. Nur 15 Prozent Ostdeutsche in den Spitzen der Universitäten? Eine einzige ostdeutsche Intendantin? Nur 1,7 Prozent der bundesdeutschen Top-Positionen sind mit Bürgern aus den Regionen besetzt, die durch harte Umbrucherfahrungen verbunden sind. Man ist unzufrieden.

Mit Blick auf das Wahljahr ist klar, dass der Osten zahlenmäßig zu klein ist, um zu bestimmen, wer Kanzler wird. Aber er ist groß genug, um zu bestimmen, ob ein Kandidat Kanzler wird. Wenn es knapp wird, werden die Minderheiten im Osten den Ausschlag geben. Und das könnte ja für überregionale Tageszeitungen ein Grund sein, sich dem Osten intensiver zuzuwenden als bislang.

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