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Sky-Serie "The Plot Against America":Amerikanischer Albtraum

plot against America (2 - spaltig!)

Wunderbare Jahre? Ulla Wolf und David Schutter.

(Foto: Weber/ WDR/UFA)

Ein US-Präsident krempelt das Land um, befeuert den Nationalismus und sät Hass: Die Verfilmung von Philip Roths "The Plot Against America" passt ins Wahljahr 2020 und ist doch mehr als eine Anti-Trump-Serie.

Von Luise Checchin

Um zu verstehen, was schiefläuft in der Welt, reicht der Albtraum eines Zehnjährigen. Zum Beispiel der des kleinen Philip, der seine geliebte Briefmarkensammlung durchblättert und feststellt, dass etwas anders ist: Statt der Zeichnungen berühmter Amerikaner, die unter dem Schriftzug "United States Postage" zu sehen sein sollten, prangt da nun das Gesicht Adolf Hitlers. Dass Philip, Kind jüdischer Amerikaner, kurz darauf aus der Horrorvision einer von Nationalsozialisten besetzten USA erwacht, tröstet ihn nur bedingt. Denn seine Realität sieht nicht viel besser aus.

Die Serie The Plot Against America nach dem Roman von Philip Roth erzählt eine kontrafaktische Geschichte und geht der Frage nach, was wohl gewesen wäre, wenn 1940 nicht Franklin D. Roosevelt zum dritten Mal zum US-Präsidenten gewählt worden wäre, sondern der Fliegerheld, Isolationist und Hitler-Unterstützer Charles Lindbergh? Natürlich ist es kein Zufall, dass der Roman, der 2004 erschienen ist, genau jetzt verfilmt wurde. Die Serienmacher David Simon und Ed Burns, gefeiert für ihr Baltimore-Epos The Wire, hatten bereits 2013 die Gelegenheit, den Stoff zu adaptieren, lehnten aber ab. Die Wahl Donald Trumps ließ sie ihre Meinung ändern.

Ein US-Präsident krempelt das Land um, befeuert den Nationalismus ("America first" bemühte schon übrigens schon Lindbergh) und sät Hass gegen Minderheiten: The Plot Against America wirkt jetzt wie die ultimative Anti-Trump-Serie im Wahlkampfjahr 2020. Und sie ist noch viel mehr als das.

Roths Kunstgriff im Roman bestand darin, mit den eigenen biografischen Koordinaten Authentizität zu suggerieren. Sein Held heißt nicht nur wie der Autor, er verlebt auch genau wie dieser im Jahr 1940 eine glückliche Kindheit in einem jüdisch geprägten Viertel Newarks. Sie endet in der Fiktion, als unter dem neuen Präsidenten der Antisemitismus dramatisch wächst.

Auf die Sicht des fiktionalen Ich-Erzählers, der auf seine Kindheit zurückblickt, hat die Serie auf Wunsch des 2018 verstorbenen Roth verzichtet. Was dadurch wegfällt, ist eine gewisse emotionale Dringlichkeit, die die exzellente Besetzung (neben Winona Ryder und John Turturro besonders Azhy Robertson als Philip) aber weitestgehend auffängt. Den Kern des Romans, die perfide Beiläufigkeit, mit der sich Misstrauen und Hass in eine Gesellschaft fressen können, arbeitet die Serie hervorragend heraus. "Ist nicht das hier unsere Heimat?", fragt Philip zu Beginn verwundert seinen Vater, als ein Rabbi Geld für Juden in Palästina sammelt, um die "Glaubensbrüder in der Heimat" zu unterstützen. Da nickt der Vater noch amüsiert. Ein paar Monate später muss er Hakenkreuzschmierereien von den Grabsteinen seiner Vorfahren abwaschen. Der Weg dorthin wird mit einer Gemächlichkeit erzählt, die nicht mit Langatmigkeit verwechselt werden sollte. Denn darum geht es in The Plot Against America: um die Erkenntnis, dass das Ausmaß historischer Umbrüche für diejenigen, die sie erleben, manchmal erst erkennbar ist, wenn es zu spät ist.

The Plot Against America, Sky.

© SZ vom 17.03.2020
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